Tage, Januar 87

Dass ich die Welt zunehmend zum Reinspucken finde, hab ich mehrfach erwähnt. Aber ich kann nichts dagegen tun. Außer Spucken natürlich. Aber das ändert nichts an der Lage, in die unsere Welt sich manövriert hat. Und ich tu’s trotzdem, schon aus gewonnener Trägheit. Nichts zu machen. Spucken. Ich spucke. Ich bin einer dieser ewigen Wiederholer, und nur mit etwas Glück kommt ab und an was neues hinzu, und ich singe Hänschen Klein und spuck mich voll.

Im Spätsommer 86 beschlossen Karlos und ich endlich zusammenzuziehen. Jeder lebte bis dahin allein in seiner Vierzig,- Quadratmeter-Hütte, jedem fehlte etwas. Karlos spielte Theater beim Ensemble Profan und trug auf dem ev. Friedhof Särge, zwei, dreimal die Woche, ich saß am Schreibtisch und schrieb oder schlief. Das Dumme: Lana, meine große Liebe, hatte mich verlassen.

Eine größere Wohnung, die wir uns auf eine Annonce hin an der Alten Papiermühle ansahen, (in den Händen der größten nordrheinwestfälischen Wohnungsbaugenossenschaft), lag nah am Kannenhof, einer Siedlung, errichtet in der Zwischenkriegszeit nach dem Vorbild Wiener Gartensiedlungen. Mit dem vielen Grün ähnelte die Anlage einem großen Campingplatz, aber so richtige Campingplätze gab es damals noch nicht, nicht in unserer Gegend. Es gab aber am Kannenhof eine schillernde Parkanlage, einst der Botanische Garten der Stadt. Aber es stellte sich rasch heraus, dass der Boden am Kannenhof ungeeignet war für die größtenteils aus Übersee importierten Bäume und Pflanzen, die vor lauter Nässe kaputt gingen – sie ersoffen im nassen Boden. Der Park insgesamt verwahrloste in trauriger Rekordzeit. Schade, trauerten die Einheimischen. Für einen Botanischen Garten wurde nach einer anderen Stelle gefahndet. Fündig wurde man in der Nähe des Klinikums, und der Park am Kannenhof wurde fortan von Gustav Coppel, einem jüdischen Industriellen, aufgekauft und finanziert. Coppel, der trotz des Judenmords ein erstaunlicher Menschenfreund und seiner Heimatstadt treu blieb.

Karlos kannte den Park noch aus den 60erjahren, er war ganz in der Nähe aufgewachsen, an den Gleisen des bergischen Güterverkehrs.

1986 war es noch alles andere als Usus, dass zwei Männer sich eine Behausung teilten, aber zwei Jungs müssen ja mal den Anfang machen, auch ohne schwul zu sein. Wir schauten uns noch eine Bude am Weyersberg an, (der allerdings nicht an einem Berg lag, sondern am tiefsten Punkt der Stadt), doch die Wohnung am Kannenhof, ganz in der Nähe einer Papierfabrik und der Wupper, war unschlagbar.

Ein trauriger alter Mann namens Noe öffnete die Tür. Der Name an der Klingel im Erdgeschoss klang wie eine anschwappende kleine Welle, Paul Noe, mit Betonung auf dem e, wie er uns leise erklärte, nachdem er uns die Türe öffnete und ich ahnungslos „Hallo Herr Nö“ gesagt hatte.

„Noehh…“, sagte er müde und winkte gleichzeitig ab, nach dem Motto – juckt das hier noch irgendwen?

Er schlurfte gebeugt vor uns her und führte uns durch die 3 Zimmer wie durch ein verblichenes Palästina. Vermutlich war er gar nicht so furchtbar alt, der müde Herr Noe, aber er war müde, einsam und alt, da zählt jedes Lebensjahr doppelt und dreifach. Besonders im Gesicht. Er sah aus, als hätte er sein Lebtag lang schwarze Kamine gebaut. Die Wohnung lag im Erdgeschoss, hatte sechzig Quadratmeter und einen dicken intakten Holzboden. Mit original ochsenblutroter Lackfarbe gestrichen.

„Die wollen mich hier raus haben“, sagte Noe. „Die wollen mich ins Altenheim wegkegeln.“

Mit die meinte er die größte nordrheinwestfälische Wohnungsbaugenossenschaft.

Das Schlafzimmer, das später mein Zimmer werden sollte, war gelb vom vielen Nikotin, das hier konsumiert worden sein musste, wir fühlten uns wie in einer alten Kippenkajüte, weit unten unter Deck. Na schön, über Deck wäre ja auch komisch gewesen.

Der alte Herr Noe erzählte, dass er lange Jahre mit Frau und Sohn hier gelebt habe. Erst sei seine Frau gestorben, letzte Saison (er war Fortuna-Fan), dann sein Sohn. Er zündete sich eine Filterzigarette an, wir rauchten eine mit.

Drei leichte Attika.

„Der Doktor meint, ich soll das dumme Rauchen aufhören. Der kann mich mal. Der soll mir lieber mal was verschreiben, damit die Kippen wieder schmecken.“

Ende September zog er um ins Seniorenwohnheim der Stadtsparkasse, gleich um die Ecke. Die Wohnung am Kannenhof war soweit okay, auch wenn es keine Erdgasheinzung gab, es wurde noch per Ofen geheizt. Ich weiß nicht, ob man es Flair nennen konnte, dafür waren die 60 gelben Quadratmeter schon zu abgeranzt, aber hinterm Haus war ein großer Garten mit vielen Büschen und Kiefern, der uns sofort vereinnahmte. Und dazu der große ehemalige Botanische Garten, wo ich zum ersten Mal ein Mädchen geküsst hatte, vor über 10 Jahren. Ich kann mich nicht erinnern, je wieder so ein blondes Mädchen geküsst zu haben.

„Mann, ist das Paraguay geworden hier?“ sagte ich überrascht zu Karlos. So von Vegetation übergossen hatte ich den Park nicht in Erinnerung. Während es früher noch Gärtner gab, die sich nur um den Coppelpark kümmerten, wurde das Grüne mittlerweile größtenteils sich selbst überlassen und machte insgesamt einen schön verwilderten Hippie-Eindruck. Man sah größtenteils Hunde und Langhaarige und hohe Bäume.

Es war perfekt. 1986. Herbst.

„Ihr könnt mich ja mal besuchen kommen im Wohnheim, Jungs, also… falls ihr meine Bude mieten wollt….“

Das musste man ihm lassen, der alte Herr war wirklich auf Zack.

Tatsächlich ging ich 2 Monate später bei ihm im Seniorenheim vorbei und brachte ihm seine Post, die bei uns gelandet war. Er wusste zunächst überhaupt nichts mit mir anzufangen, hatte keine Ahnung, wer ich war. Als auch mein dritter Versuch nicht fruchtete, mich ihm vorzustellen, tippte ich mir an die Mütze und stellte mich  als neuer Briefträger vor. Da ging‘s.

Im November zogen wir ein. Da es noch keine Gasheizung gab, (der Einbau sollte erst 1990 erfolgen), heizten wir mit den Kohleöfen des Vorgängers. Es gab in der großen Wohnküche einen Dassel-Dauerbrenner, ein gusseisernes Mordsding mit komplett verkohlten Sichtfenster, das eine geradezu biblische Wärme abstrahlte, sowie je einen kleineren Ofen in meinem sowie in Karlos‘ Zimmer.

3 Öfen, davon ein nostalgisch anmutender, aber fast neuwertiger Haas + Sohn-Kaminofen, der nur in Betrieb war, wenn die Temperaturen unter null sanken, (was selten war im Winter 1986/87), und wenn ich den ganzen Tag mit einem Buch im Bett blieb, im Maul einen Geschmack, als rauchte ich mich durch eine Aktenordnerwand, (Ordner für Ordner, Seite für Seite), das kam von der trockenen Ofenluft. Die Öfen verbreiteten zwar die gemütliche Wärme, von der alle schwärmten, („oh, ihr habt noch Kohleofen..? Das ist aber gemütlich!!“), aber der Geruch schlug einem schon mal auf den Magen. Besonders, wenn ich im Bett lag und eine nach der anderen drehte und rauchte, ich ein dickes russisches Gulag-Buch in Arbeit.

Ehrlich gesagt, ich sah lieber Filme als mir ein Buch zur Hand zu nehmen. Bei russischen Romanen etwa musste man sich zu viele Namen merken und ständig kamen neue Personen hinzu und dann musste man zurückblättern und nachsehen, welcher Name zu welcher Figur passte, frag mich nicht nach russisch Sonnenschein. Oftmals wurde das Lesen ab Seite 440 eingestellt. Solschenyzins Bücher mochte ich trotzdem, auch wenn die Filme deutlich einfacher zu handeln waren. Man merkte sich ein Gesicht, und gut war‘s für die nächsten neunzig Minuten.

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Einmal wurde es brisant. Alle drei Öfen hatten die ganze Nacht gebrannt, ohne dass irgendwo ein Fenster geöffnet war. Es war sozusagen ein Probelauf gewesen, denn nötig war es nicht, bei zehn Grad Außentemperatur. Da lag ich also nachts im Bett und hörte in der Finsternis das Koks und die Briketts nach unten durchrutschen und knispeln wie hungrige kleine Schlangen in ihrer Grube, und mir fiel prompt diese Zeitungsnotiz ein.

Einen Tag zuvor hatte es im benachbarten Wuppertal ein tragisches Unglück gegeben, das sich Jahr für Jahr in ganz Deutschland hundertfach wiederholte: ein Rentner-Ehepaar starb an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung, weil der Ofen in der Wohnung über Nacht gebrannt hatte und alle Fenster geschlossen waren.

Ich bekam es plötzlich mit der Angst zu tun. Ich wollte nicht umziehen, nur um woanders zu ersticken. Ersticken, was ein läppischer Tod, dachte ich. Fast schon ein Lapsus. Schön war es die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands hochzuklettern, die Müngstener Brücke, die Solingen und Remscheid miteinander verbindet, und dann 110 Meter in die Tiefe zu segeln und beim Aufprall cool das Dach eines Andenkenstandes zu durchschlagen und die Stützpfeiler mitzureißen, das geht in Ordnung, das hat was, da haben die Hinterbliebenen Futter, um sich das Maul zu zerreißen. Aber ersticken, nur weil die Kohleöfen über Nacht gebrannt haben…? Ich weiß nicht.

Am nächsten Tag war ich zum Mittagessen bei meinen Eltern. Zum Nachtisch karrte Mutter einen herrlich schlammigen, noch warmen Schokoladenpudding an, und ich erkundigte mich bei meinem Vater, warum das mit dem Ofen-Unglück in Wuppertal passiert war. Was dahintersteckte. Das war natürlich was für Vater. Das war sein Metier. Und er hatte diese angenehme Art, sich nicht groß aufzupumpen, wenn er Ahnung hatte. Und selbst wenn er sich aufpumpte, blieb für andere noch genug Platz am Tisch.

Er erklärte es mir so, dass Unfälle durch Kohlenmonoxidvergiftung meist nach Wärmeperioden geschehen, wenn der Kamin von einer Kaltluftschicht verstopft ist, der sogenannten „Stange“.

„Plötzlich wird es Winter und die Leute machen den Ofen an, aber die Stange, die sich in kalten Nächten gebildet hat, lässt die giftigen Abgase nicht den Schornstein hochkommen, also entweicht das Kohlenmonoxid peu a peu ins Zimmer..“

Er hielt inne, um die Spannung zu steigern.

Tja.

Frau Fischer wohnte über uns. Sie stellte uns einen kleinen kräftigen Kerl als ihren Gärtner vor. Ihren Mitbewohner in Wahrheit. Manfred. Jedes Wochenende hörte man leere Apfelkornpullen in den Hausmülleimer purzeln. Hörte es klirren. In den gesamten zwei Jahren ließ Manfred, so sein Name, sich kein einziges Mal im Garten blicken.

„So ein Gärtnerleben möchte ich auch führen“, sagte Karlos.

Dabei tat er doch genau das.

„Und?“ fragte ich Vater. „Wie ging’s weiter in Wuppertal?“

„Das Kohlenmonoxid frisst Sauerstoff und Mensch. Im Schlaf merkst du das nicht, du schläfst einfach weiter und bist irgendwann tot.“

In unserem Haus am Kannenhof sei die Gefahr einer solchen Vergiftung jedoch eher gering, da dort überall im Haus noch mit Kohleofen geheizt werde, das sorge für einen guten Durchzug. Ich war zunächst beruhigt und ging nach Hause. Doch die Nacht zuvor ging mir nicht aus dem Kopf.

Da hatte ich also lieber mein Leben riskiert, als mal eben aufzustehen und ein kleines Fenster zu öffnen. Ein bisschen Sauerstoff hätte ja schon gereicht, das Fenster auf kipp gestellt und die Erstickungsgefahr wäre gebannt gewesen. Aber nein, ich unternahm nichts, ich war zu träge gewesen. Ich blieb einfach liegen im Bett, hörte das Züngeln der Flammen und spielte Russisch Roulette auf die kommode Art: Ich wartete ab, ob ich draufgehe oder nicht.)

X

Am Nachmittag kam das Burgfräulein am Kannenhof vorbei. Sie kellnerte im Tilbury, einer Kneipe am Werwolf, wo ich ab und zu auf dem Nachhauseweg einkehrte und die Kellnerin abschleppte. Wir würfelten eine Runde Yazoo, was mich wehmütig daran erinnerte, wie ich mit Lana Mensch ärgere dich nicht gespielt hatte, damals, in unseren goldenen Zeiten, die gerade mal ein halbes Jahr zurücklagen. Der Verlierer musste dem Gewinner einen blasen. Manchmal hab ich extra verloren. Logisch.

Das Burgfräulein war okay, aber ich liebte es nicht. Ich war auf dem absteigenden Ast. Es war nichts dagegen einzuwenden, mit einer Frau ins Bett zu gehen, die man nicht liebt, aber ihr Hoffnung zu machen, man könnte sie eines Tages lieben, obwohl die Chancen gering bzw. gleich null waren, das war nicht in Ordnung. Wenn ich in das Burgfräulein eindrang, war da die Sache mit den offenen Augen. Ihr entrückter Blick, wie aus einem weit entfernten Shangri-La. Abends kämpften wir uns zu Fuß durch dichtes Schneetreiben zum Chinesen am Werwolf, die Böen stachen uns ins Gesicht. Ich bestellte Ente, sie Schwein, süß-sauer. Rindfleisch sei ihr zu glitschig, wiederholte sie sich und wurde rot, als sie es bemerkte. Ich tat so, als hätte ich nichts gehört und trank mein definitiv erstes Bier des Jahres 1987. Nachher ging es zurück zu mir. Dichter Schneefall. Ich glaub, ich muss mir mal wieder einen ansaufen, dachte ich, als ich am nächsten Morgen aufwachte und das riesige Telefon Modell Hamburg klingelte. Wie Boxhandschuhe stand das Telefon auf dem Küchentisch, genau wie im Telefonladen im untersten Regal, auffälliger ging’s nicht. Eigentlich wollte Karlos nur, dass der dicke Verkäufer sich mal ordentlich bücken musste, doch als er Modell Hamburg dann tatsächlich hervorgeholt hatte, tat es uns irgendwie leid, das arme Ding, das niemand kaufen wollte, und seither stand es nun in unserer Küche und versah treu und still seine Dienste, potthässlich, riesig, nichts tuend.

„Ist doch Mist“, sagte Karlos.

Das Burgfräulein hatte bei mir übernachtet und musste nun raus zum Frühdienst auf Station, raus zu den Säuglingen mit den butterweichen Schädeln. Ein krampfender Epileptiker war darunter, erzählte sie. Er hieß Jan-Christopher. Ich setzte dem Burgfrollein und mir Kaffee auf und bestellte ihr ein Taxi für sechs Uhr. Und während sie unter der Dusche verschwand, zog ich mir doch tatsächlich Klamotten und Stiefel an, zum Schneeschippen. Ich. Freiwillig! Schneeschippen!! Das musste man sich mal auf der Zunge vorstellen! Obwohl, so ganz sicher war ich mir nicht. Nur weil ich schon früh einmal um halb sechs wach gewesen war?

Da lagen zwei schneeintensive Winter hinter mir in der alten Wohnung an der Schillerstrasse, wo diese Liste im Hausflur aushing, wo der jeder Hausbewohner seinen Räumdienst eintragen musste. Kein einziges Mal hatte ich meinen faulen Hintern aus der Koje gehievt, hatte alles die Omas im Haus machen lassen, nur hin und wieder, bei einsetzenden Tauwetter einen Strich hinter meinen Namen gepfuscht.

Das Burgfrollein nahm ihren Kaffee mit geronnener Dosenmilch, ich zog mir die Boots an und ging runter in den Keller, die Schneeschaufel suchen. Normalerweise war Manfred dafür zuständig, Liebhaber der asthmakranken Frau Fischer, die über uns ohne Ende hustete und die kalte Witterung verfluchte.

„Fieses Kreislaufwetter ist das, geht mir das vielleicht auf die Pumpe! Kipp ich um, wenn ich Pech hab. MAMMMFREEED!!“

Manfred, der ein Toupet trug, das ihm spät abends schon mal quer in die Stirn rutschte, wenn er besoffen nach Hause kam und den Schlüssel nicht ins Schloss der Haustüre bekam, sah aus wie ein Kombüsenjunge von der Küste, den es mit Mitte 40 ins Bergische Land verschlagen hatte, wo Frau Fischer ihn uns als ihren persönlichen Blümchendoktor vorgestellt hatte.

„Ja genau“, meinte Karlos bloß.

Statt der Schneeschaufel fand ich in der Waschküche nur einen mickrigen alten Spaten, den ich wieder wegstellte, als ich ein Taxi vorfahren hörte. Ich trat ein bisschen in den Pappschnee wie vor einen Fußball, grüßte den türkischen Taxifahrer und ging wieder rein, weiterschlafen, während Karlos mir bis zum Klo folgte und wie ein Esel scheißen musste.n Scheiße nscerikaniscilm e, nil. Auf meine Frage, wem das hier gehöre, hat er nur milde gelächelt. In eine Schublade gegriffen und einen Bündel Gelds