Wollers Momente, Gilles Momente

Gilles war ein eher speckiger Typ, der sich mundfaul durchs Leben schleppte, wenn er aber einmal loslegte, war er kaum zu stoppen. Dann erzählte er gern fantasiereiche Storys aus seiner Kindheit, und wie er aus all dem Schlamassel herausfand und sich ein schönes katholisches Leben aufbaute.

Montags besorgte sich Gilles den neuen Kicker in einer der vielen Lotto-Annahmestellen, egal, in welchem Teil des Landes er sich gerade aufhielt. Der Montag, da kannte er keine Ausnahme, gehörte ihm und dem Fußball, da trainierte er die Kids von Cannabis 80, um deren Namen es eine Zeitlang viel Wirbel in der Lokalpresse gegeben hatte, doch irgendwann hatten alle die Nase voll von solchen Lappalien und der Fußball übernahm wieder das Ruder.

Gilles achtete streng auf blitzeblank geputzte Fußballtreter und schleuste auch seine schlauen Geschwister in die Vereinsarbeit ein, darunter die viel zu früh verstorbene und von der im Bergischen Land verehrten Miss Mojo Gilles, die es 45jährig im Alfa Romeo ihrer Lieblingstante aus der Kurve getragen hatte.

Gilles bester Freund war Selle, Blutsbruder von Gilles. Sie liebten nicht selten die gleiche Frau, und wenn ein neues Kind zur Welt kam, war nie ganz klar, wer nun Vater des Babys war. Der Einfachheit halber hieß jedes neue Kind, das Miss Mojo in die Welt setzte, zunächst mit Nachnamen Gilles. Wie viele es am Ende nun auf die Locke genau waren, die den Grundstein der Großfamilie Gilles-Seltsam legten, die meist in Kneipen wie der KACHELSTUBE, dem YORK oder dem verräucherten STÖCKERBERG herumlungerten und unter keinen Umständen („niemals!“ „Never!“ „ich verdopple!!“) an nichts anderem als an Bier und Dänischem Poker Interesse zeigte, war nicht bekannt, sorgte aber nicht selten für Zwist und Streit in der Verwandtschaft.

Aber alle noch lebenden deutschen Gilles-Brüder akzeptierten sogar die herangebimsten Halbgeschwister aus Maastricht, die sogar einen fast echten Pass auf den Namen des Vaters präsentieren konnten, und doch blieb auch dieser Abschnitt der famosen Gilles-Geschichte am Ende offen, und, tja, also, halfdead.

Am schlimmsten und hemmungslosesten aller bekannten Onkel trieb es zuletzt Puffgänger Woller. Woller hatte vermutlich nicht 17 oder 27, sondern 57 Kinder in die Welt gesetzt, wenn man alles an Mathematik herankarrte, das man in damaligen Zeiten kannte und im Bereich der menschlichen Schweinereien in Betracht zog.

„Ich kann praktisch alle sexuellen Praktiken auswendig  von Seite 4 bis zum Ende des Ratgebers in finnischer Popangas-Masturbatorik vorsingen,“ griente Gilles gern und beendete damit seine sexuellen Abenteuerstorys  aus aller Welt. Seltsamerweise fiel bei seinen ebenso kurzen wie ehrlichen Statements ,“Ich kann es auch  in  der Hauptstadt Turku ordentlich knuckern lassen“, besonders auf, dass Gilles das E am Ende eine Satzes gern verschluckte und verschluderte. Er schheiterte mit 48 im Altenheim an einem kleinen e in Lüdenscheid.

Unter den ausländischen Helfern war in mancher Saison auch Gilles‘ Bruder Püppi zu finden. Bruder Püppi reiste meist im Tross seiner eigenen kleinen Familie an, aus der seine Frau hervor stach, die jedermann, auch in France, Madame Gilli nannte, eine stille, hart arbeitende Pflückerin. Sie liebte ihren Mann, wollte ihn aber nicht heiraten. Ihr Mann Püppi war der zweitälteste Sohn der Familie Becks. Er hatte ein unbewegliches milchiges Puppengesicht und winzige eingeschlossene Äuglein. Püppi sah aus wie ein Kindermörder aus dem Schwarzweiß-Kino der 60er Jahre, der früh am Morgen wach wird nach seiner letzten Tat und schon wieder einen fiesen Ständer in der Schlafanzugshose herumlungern hatte.

Niemand wollte etwas mit Püppi zu tun haben. Er wurde 1995 in Velbert im Streit ermordet. Seine Leiche fand man auf dem Balkon in einen Schrank gestopft, wie einen lästigen Seesack. Der Mord ist, so viel ich weiß, bis heute ungeklärt geblieben, und was aus Madame Gilli und den Kindern geworden ist, blieb unbekannt, niemand wusste etwas.

Aber Becks, Woller und weitere Freunde und Bekannte und Brüder der Familie waren nicht klein zu kriegen und als ich sie neulich zu fünft mit zwei ihrer neuen Ehefrauen traf, sah niemand von ihnen unglücklich aus.

„Weißt du eigentlich, wie man mich früher genannt hat?“ fing Woller sofort an, obwohl wir uns ein Jahr lang nicht gesehen hatten.. Wir saßen auf der Bank am Friedhof.

„Nee. Woher soll ich das wissen“, sagte ich. Weil wir uns schon so lange kannten, wusste Woller auch, dass ich immer scharf auf eine Story war.

Also raus damit.

„Der Bienenkönig.“

„Der Bienenkönig..? Du?“

„Japp.“

 

Ich war auf dem Weg zu meinen Eltern, als uns Becks und seine neue Bande über den Weg lief, Ecke Gertrudis-/ Margaretenstraße. Wir kraxelten gemeinsam den hypersteilen Klauberg rauf, vorbei an mittelprächtigen Eigenheimen in Hanglage und duftenden Rosenstöcken. Der Klauberg mit seinen 17 Prozent Gefälle gehört zu meinem Leben wie kaum eine andere Straße. Seit meiner Kindheit hab ich diese Steigung tausende Male bezwungen, zu Fuß und mit dem Drei-Gang-Fahrrad, auf dem Weg zum Fußballplatz, zur Grundschule, zum Gymnasium, in die Stadt. Der Klauberg ist quasi mein persönlicher Mount Everest. Als Berg-Ankunft bei der Tour de France wäre er vermutlich als schmutziger Scharfrichter in die Geschichte eingegangen, mit einer Einschränkung: Er ist zwar steil, aber lediglich 150 Meter hoch. Ein kleiner schmutziger Scharfrichter. Er holt das letzte aus dir heraus. Ich kenne jeden Zentimeter Asphaltdecke, jeden von  Schnecken angeknabberten Rosenstock.

„Bienenkönig, ah.. Du erzählst mir jetzt aber keinen Problemfilm, oder?“ fragte ich lieber gleich mal nach.

PROPBLEMFILM!

Becks verzettelte sich gern in alten Geschichten, und dann wurde aus einer anfangs witzigen Schote schnell mal ein Drama, in dem problematische Leberwerte oder 8 Monate auf Bewährung die Hauptrolle spielten. Nicht unbedingt schlechte Geschichten, das nicht, aber darauf hatte heute niemand einen Nerv.

Gut. Da war die Sache mit den Steuerschulden. Der zuständige Finanzbeamte ließ nicht mehr mit sich reden, er stellte auf stur. Nicht mal Ratenzahlung räumte er Becks noch ein.

„Sie haben verschissen!“ raunzte er ihn am Telefon an.

Der Beamte ordnete Taschenpfändung an und ließ das Bankkonto sperren, dummerweise zu einem Zeitpunkt, als Becks damaliger Arbeitgeber, einer der großen Schneidwarenhersteller der Stadt, ein 13. Gehalt als Weihnachtsgeld, eine umsatzabhängige Jahresprämie sowie (in Becks Fall) das Urlaubsgeld auszahlte. Mit dem normalen Gehalt summierte sich die Zahlung auf fast 7.000 DM, an die Becks nun nicht herankam. Freitagvormittag machte sich Becks auf den Weg zum zuständigen Sachbearbeiteter. Ohne groß anzuklopfen trat er ein. Jetzt war er es, der dem Beamten eine letzte Chance einräumte, die Kontosperre aufzuheben, damit er, Becks, an

  1.  sein Geld kam, doch der Beamte nahm ihn nicht ernst.

„Die Sperre ist schon im Computer, fertig, aus die Maus. Und jetzt raus hier.“

„In Ordnung, Chef“, antwortete Becks, und dann ging’s rund. Er sprang auf und schmiss den Schreibtisch um – Rechner, Drucker, Monitor, Laufmappen und ein Becher Stifte flogen auf den Boden, es war ein Riesenradau. Dann langte Becks nach unten und zog ein Zöppken aus dem Kniestrumpf, lief um das angerichtete Chaos herum und drückte dem zitternden Beamten das Messer in den Mund.

„Und jetzt will ich dich pissen sehen, Männlein.. Du hast zehn Sekunden Zeit.“

Der Finanzbeamte brauchte keine drei Sekunden.

„Ist mein  Konto Montagmorgen nicht offen, komm ich zurück. Ist das klar? Hast du das verstanden?“

Eine Stunde später. Beck erklärte gerade seiner Yvonne, es sei alles glatt gelaufen auf dem Amt, als das Sondereinsatzkommando vor der Tür stand und sich Zutritt verschaffte, in schwarzer Sturmhaube und mit Maschinenpistole. Bei der anschließenden Hausdurchsuchung wurde das angebliche Schälmesser nicht gefunden, und Becks behauptete, es habe sich ohnehin nur um eine Wasserpistole und einen Scherz gehandelt.

„Trotzdem, die blieben stur und wollten mir versuchte Geiselnahme reindrücken, mit ner Spielzeugpistole wäre das nur Nötigung gewesen. Dass ich ihm die Knarre ins Maul geschoben hab, konnten sie mir nicht nachweisen. Da stand Aussage gegen Aussage.“

Im Anschluss an die Hausdurchsuchung ging es im Streifenwagen durch die Nordstadt. Becks sollte den Polizisten vor Ort zeigen, wo er seine angeblich benutzte Wasserpistole entsorgt habe. Sie war nicht aufzufinden.

Becks erhielt 8 Monate auf Bewährung wegen Nötigung und eine satte Geldstrafe. Der Finanzbeamte trug ein Trauma davon und setzte mit Hilfe seines Anwalts durch, dass ihm Becks sechs Monate lang nur bis auf 50 Meter nähern durfte.

„Bienenkönig, Mann!! Keine Probleme!“

Becks, eins Neunzig groß und fast zweihundert Pfund schwer, das Gesicht eine verwitterte Wurfsendung vom vielen Jägermeister-Saufen, Koksen und Morphin-Schießen, grunzte. Er trug neuerdings eine Glatze, streng poliert wie eine Billardkugel. Die schwarze 8. Je älter er wurde, desto monströser wurde Becks. Begegnete man ihm im Hellen, machte man Platz, war es dunkel, gab man Gas.

Als ich ihn nun am Fuße des Klauberg traf, war er seit Monaten krank geschrieben. Die Venen waren dicht, vernarbt, Altlasten vom vielen Schießen.

„Hier, Stützstrümpfe“, sagte er und krempelte das Hosenbein ein Stück hoch. „Viel Bewegung hat der Doktor gesagt.“ Er knurrte. „Hat auch seine Vorteile, ich mein, so geh ich meiner Alten aus dem Weg. Ich dreh sonst durch, Yvonne den ganzen Tag auf der Pelle..“

Dann erzählte er seine Geschichte vom Bienenkönig. Becks jobbte in den gut bezahlten Achtzigern als Gerüstbauer und hatte eines Tages in der Nachbarstadt Remscheid zu tun. Der Trupp war im großen Firmen-Lkw unterwegs, drei Mann vorn, zwei Mann hinten. Der Auftrag: ein dreigeschossiges Eigenheim einrüsten und das Dach begrünen. Dafür musste der Giebel entfernt werden. Der war morsch und drohte abzustürzen. Als das Gerüst soweit stabil stand, machte Becks sich an die Arbeit.

„Keine Ahnung, was hier oben los.. ist“, rief er runter, „hier ist irgendwas.. pechschwarzes! Ein Insektenvolk oder so.“ Als er mit dem dicken Hammer hinlangte, traf er mitten in ein Wespen-Nest. Vielleicht auch Hornissen. Bienen. Irgendwas wütendes mit Stacheln. „Scheissehh!!!“ Man hörte Becks Geschrei meilenweit, er flüchtete Hals über Kopf die Leiter runter.

„Das waren ja noch 12er-Leitern damals, noch alles aus Holz, heute ist ja alles aus Stahl.“

Als die Insekten sich beruhigt hatten, hielten die Handwerker Kriegsrat.

„Sollen wir nicht den Kammerjäger holen, das Nest ausräuchern!“

„Nee, zuerst müssen wir den Dicken anrufen. Den können wir nicht übergehen. Der Dicke schmeißt uns raus, wenn wir den Kammerjäger holen, ohne ihn vorher zu informieren.“

Der Dicke war Gilles, ihr Chef. Er hatte mittlerweile 140 Kilo auf den Knochen und wurde immer mehr der alles bestimmende Boss, der kaum schreiben und lesen konnte. Aber Hilfsarbeiter rauswerfen ging immer, und das im hohen Bogen.

„Den Dicken wegen Kleinkram belästigen? Habt ihr sie noch alle? Da kriegt er erst recht so’n Hals!“

Zustimmendes Gemurmel.

„Richtig.“

„Der Dicke ist ne Pottsau.“, meinte auch Becks, noch immer Gilles‘ bester Freund.

Es half alles nichts. Einer musste den Job am Dach erledigen, so schnell wie möglich. Keiner sagte etwas. Alle stierten betreten zu Boden. Manchmal muss ein Mann tun, was er tun muss: Weggucken. Schnauze halten. Einfach machen 

„Okay“, seufzte Gilles. „Her mit dem Hammer..“ Er kletterte langsam die Leiter hoch. „Zwölf Meter können lang sein, wenn am Ende die Hölle wartet. Da hilft nur locker machen.“

Oben angekommen, legte er sich mit dem Rücken aufs Laufbrett, holte Schwung und putzte den Giebel in einem einzigen Hieb weg.

„Komm runter, Mann! Mach hin!“ feuerten die Gerüstbauer ihn an. Doch so flott war Gilles nicht auf den Beinen, wie die Viecher sich auf ihn stürzten. Sie durchlöcherten die Arme, die Brust und den Nacken, sie machten sich über sein Gesicht her. Becks taumelte erst hinterher, dann mit Gilles die Sprossen runter, in einer emsig krönenden Traube von stechgeilen Insekten, eine wütende Bonanza.

Als beide am Boden ankamen, spritzten die Kollegen auseinander. Bis auf den pausbäckigen Schmitti. „Der war in Ordnung!“ Händeringend versuchte Schmitti den Kollegen Gilles und Becks zu helfen und die Bienen zu vertreiben, so ungeschickt allerdings, dass sie den Kollegen am Hinterkopf erwischten, mit einer Wasserpumpenzange.

„Ruf einer Mutter an..“, stöhnte Becks, aus einer Platzwunde blutend, „die soll uns ins Krankenhaus bringen.“

Geschlagene (und gebissene) zehn Minuten lang warteten sie am Strassenrand, über und über zerstochen, „als wär ich in ein Kaktus-Feld gefallen, hömma. Ich konnte kaum aus den Augen gucken, so geschwollen waren die Lider. Und ich war am zittern, als hätt ich Fieber. Mir war abwechselnd heiß und kalt.“

Als die Mutter endlich vorfuhr, die einzige, die noch einen offiziellen Lappen hatte, und ihre wild gestikulierenden, besten Mitarbeiter und Söhne am Straßenrand entdeckte, winkte sie nur freundlich und startete durch.

„Chefin! Halt an, du Sau!!“

FORTSETZUNG KOMMT