Mit O-Tönen von Georg Bell, Reinhold Niebuhr, Pius XII., Jaques Maritain & Simone Weil.
(Bei diesem Text handelt es sich um ein Vortragsmanuskript vom September 2023. Der Vortrag war Teil der Tagung: „Widersteht nicht dem, der böse ist…“ (Mt. 5, 39) – Religionen zwischen Krieg und Frieden“, die an der Evangelischen Akademie Villigst stattfand.)
- Die Situation
„There is an age-long conflict, as all of us know, between evil and good. It is always raging, and its battleground is found in every nation and in every human heart. But there are moments in history when this conflict assumes a special intensity, and the Forces of Darkness hurl themselves with a more deadly vehemence than ever against the Forces of Light. It is in just such a moment that we are called to live to-day.” (Bell 1941/1946: 219)
Diese Worte predigte der englische Bischof von Chichester – Georg Bell – im Rahmen eines Gottesdienstes im Oktober 1941 in Cambridge. Bell wählte keine für die Zeit untypischen Worte und Metaphern, wie wir noch gleich sehen werden. Bell – wie viele seiner Zeitgenossen – hatte das unabwendbare Empfinden, dass die Welt, in der er lebte, in einer besonderen „Situation“ stand. Es war ein „Augenblick der Entscheidung“, eine „Krisis“, ein „Kairos“, ein „Moment“, in welchem die Geister sich in Gut und Böse, Licht und Finsternis schieden. Mit Hans Blumenberg könnte man auch von einer dezidierten „rhetorischen Situation“ (Blumenberg 1971/2001: 414) sprechen, in welcher den Sprecherinnen und Sprechern die Not des Handlungszwanges bei gleichzeitiger Kontingenz der Situation akut bewusst war.
Georg Bell ist dafür bekannt, dass er in der Zeit des 2. Weltkrieges eine der britischen Öffentlichkeit unbequeme Wahrheit aussprach. Eine Rede im britischen Oberhaus nutzte Bell dazu, die Flächenbombardements deutscher Städte durch die britische Luftwaffe – er nannte diese „obliteration bombing“ (Bell 1944/1946) – als moralisch zutiefst fragwürdig zu deklarieren. Wenn Bell also auch die damalige politische Welt klar in Kräfte des Lichts und Kräfte der Finsternis einteilte, so verlor er doch nicht das Bewusstsein dafür, dass dieses dualistische Bild über eines nicht hinwegtäuschen kann: Moralisches Versagen, man mag es auch Sünde nennen, gibt es überall dort, wo Menschen handeln. Und die Größe des Übels auf der anderen Seite sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die eigene Seite moralisch angreifbar ist. Ergo: Im Krieg trägt keine Partei eine reine Weste davon. Was die eine von der anderen Gesellschaft vielleicht unterscheidet, könnte folgender Umstand sein: In der einen Gesellschaft – der finsteren – können moralische Zweifel nicht mehr geäußert werden, sie werden unterdrückt, geleugnet, verfolgt. In der anderen Gesellschaft – der lichtvollen – finden auch Kritik und Zweifel an der eigenen Position einen Weg in die Öffentlichkeit, was nicht heißt, dass sie dort unbedingt gerne gehört werden. George Bells Mahnung sorgte in der britischen Öffentlichkeit auf jeden Fall für einen vehementen Gegenwind.
Reinhold Niebuhr, der US-amerikanische Theologe, wählte eine ganz ähnliche Metaphorik wie der britische Bell. 1945 veröffentlichte Niebuhr seinen Essay „The Children of Light and the Children of Darkness“ und griff damit ein biblisches Bild auf (z.B. Lukas 16, 8, 1. Thes. 5,5). Wer sind die einen, und wer sind die anderen? Niebuhr schlägt eine Definition vor, die erahnen lässt, welches der damaligen politischen Regime aus seiner Sicht finster und welches lichtvoll sei. Seine Definition ist systematisch betrachtet aber nicht festgelegt und bleibt deutungsoffen: Kinder des Lichts, das sind jene „who seek to bring self-interest under the discipline of a more universal law and in harmony with a more universal good“ (Niebuhr: 1945: 14). Und die Kinder der Dunkelheit? “(They) are evil because they know no law beyond the self“(Ebd.: 15).
Das, was die Finsternis der Kinder der Dunkelheit also ausmacht, ist „the corruption of self-interest“ (ebd. 18). Diese Verdorbenheit der übersteigerten Selbstliebe setzt Niebuhr mit der Erbsünde („original sin“) gleich (ebd. 18f.). Er wirft seinen liberalen Zeitgenossen vor, die Natur und Wirkmacht der Sünde in Form von übersteigerter Selbstsucht nicht ernst zu nehmen (1940: 5). Hinter der Feststellung, dass es Kinder des Lichts und Kinder der Finsternis gibt, steht also kein Verständnis der realen Welt in moralisch klar einzuteilenden Blöcken – wenn die Metaphorik solch ein Verständnis natürlich aber befördern kann. Was für Niebuhr aber klar zu sein scheint ist, dass das liberale Bild vom Menschen als einem intrinsisch guten Wesen an den politischen Realitäten der 1940er Jahre zerschellen muss.
Auch der französische Denker Jacques Maritain empfindet die Zeit des Krieges als einen entscheidenden Moment, der große Fragen aufwirft. Maritain schreibt 1943 auf Französisch einen Essay, der in den USA veröffentlicht wird und schließlich 1949 unter dem Titel „Christentum und Demokratie“ (1943/1949) auch in deutscher Sprache erscheint.
Maritain spricht in dem Essay von einer „Zeit der Entscheidung auf Leben und Tod“, in welcher die „Liquidation der sogenannten ‚modernen Welt‘“ stattfindet. (19) Er adressiert das, was man heute vielleicht die westliche Welt nennen würde, folgendermaßen: „Wir müssen auch wissen, ob die freien Völker den Sinn der über sie gekommenen Prüfung begreifen, ob ihr Erkennen und ihr Wollen der Größe der Stunde gewachsen sind, und ob sie ihr Denken und Handeln, ihre Auffassung vom Leben und von der Politik läutern.“ (20)
Maritain ist sich sicher, dass der Krieg als solcher kein kreatives Potential hat. Der Krieg muss aber dazu drängen, sich mit den großen Fragen zu beschäftigen. Maritain: „Es ist nüchterne Wahrheit: aus sich selbst hat der Krieg keine verwandelnde Kraft – aus sich selbst sprengt er nur das mechanische Getriebe und die Oberflächenkräfte in die Luft, die recht und schlecht die in Auflösung begriffene Ordnung aufrecht erhielten. (…) Nicht der Krieg schafft eine neue Welt, sondern die Kraft der Erkenntnis und des Willens, die geistige und sittliche Erneuerungsenergie, die sich im Gesamtbewußtsein und in den verantwortlichen Führern entwickelt haben wird.“ (14)
Bell, Niebuhr, Maritain: Menschen, theologisch denkende Menschen begreifen die Zeit des Zweiten Weltkrieges als eine Zeit der Entscheidung, welche eines sehr dringlich macht: die Beschäftigung mit den großen Fragen. Was soll der Mensch? Wie sieht ein gutes Zusammenleben der Menschen aus? Wie erhalten wir den Frieden und die Ordnung?
2. Visionen
Wohin soll zukünftig also der Weg gehen? Was muss nach dem Ende des Krieges anders gemacht werden? Drei Visionen zeichnen sich in den von mir konsultierten Schriften ab: 1. die Hoffnung auf eine Stärkung der Demokratie; 2. die Hoffnung auf eine Stärkung internationaler und ökumenischer Kooperation; 3. die Hoffnung auf eine neue, demütige Elite.
Die Hoffnung auf die Demokratie als Antwort auf die Frage politischer Ordnung wurde ausgerechnet vom Monarchen eines absolutistischen politisches Systems entscheidend mit befördert. Seine Radioansprache zum Weihnachtsfest 1944 nutzte Papst Pius XII. dazu, die Demokratie als ein Hoffnungsprojekt für eine Nachkriegsordnung zu beschreiben. Der Papst sprach u.a. folgende Worte ins Mikrofon:
„Aus den schauerlichen Schmerzensrufen und mitten aus der grauenhaften Angst der Einzelnen und der bedrückten Völker leuchtet ein Hoffnungsschimmer hervor. Bei hervorragenden Geistern, deren Zahl ständig wächst, bricht ein Gedanke durch; ein immer klarerer und festerer Willen: diesen Weltkrieg, diesen allgemeinen Umsturz zum Ausgangspunkt für ein neues Zeitalter, für eine tiefgreifende Erneuerung, für eine vollständige Umgestaltung der Welt zu machen.“ (1944/2007: 138)
Und weiter:
„Sie (die Völker, BC) haben gegenüber dem Staat, gegenüber den Regierenden eine neue Haltung angenommen, die Rechenschaft fordert, kritisch und misstrauisch ist. Durch bittere Erfahrung belehrt, widersetzen sie sich immer heftiger den Ansprüchen einer diktatorischen Macht, die nicht zur Verantwortung gezogen werden kann und die unangreifbar ist; sie suchen ein Regierungssystem, das mit der Würde und Freiheit der Bürger besser zu vereinen ist. (…) Die Welt wäre nicht in diesen vernichtenden Wirbel des Krieges hinein gezogen worden, wenn es möglich gewesen wäre, das Vorgehen der öffentlichen Macht zu kontrollieren und zu steuern; in den Völkern wären wirksame Garantien zu schaffen, damit für die Zukunft solche Katastrophen vermieden würden. (…) In dieser Festzeit, die zugleich die Güte des menschgewordenen Wortes und die Würde des Menschen feiert (Würde, nicht nur vom persönlichen, sondern auch vom sozialen Gesichtspunkt aus verstanden), wenden Wir Unsere Aufmerksamkeit auf das Problem der Demokratie.“ (138/139)
An diesem Zitat sind – mindestens – zwei Dinge interessant: Zum einen verwundert, dass der Bischof von Rom große Hoffnung gerade auf die Demokratie setzte. Meine Vermutung: Pius XII. war von den nicht-demokratischen politischen Regimen seiner Zeit tief enttäuscht. Diese hatten es nicht vermochte, das umzusetzen, was der Kirche politisch wichtig war: die Würde des Menschen und die Religionsfreiheit zu schützen. Die Nicht-Demokratien hatten vielmehr Menschenwürde und Freiheitsstreben unterdrückt. Der US-amerikanische Rechtshistoriker Samuel Moyn erkennt daher schon bei Pius XI. eine Öffnung hin zu einem Würdebegriff, der sich dezidiert gegen diktatorische Regime wendete (Moyn 2015: 38). Unter dem Eindruck des Krieges ging Pius XII. noch einen Schritt weiter und benannte die politische Rahmenbedingungen, unter denen seiner Meinung nach Menschenwürde und Freiheit garantiert sei: die Demokratie.
Zum anderen: Pius XII. hat auch eine konkrete Vorstellung, warum die Demokratie – politikwissenschaftlich gesprochen – über eine bessere Output-Legitimation verfügt als andere politische Regime. Es ist der klassische Gedanke der Gewaltenkontrolle. Dort, wo die Ausübung von Macht durch die Öffentlichkeit kontrolliert und ggf. beschränkt wird, dort sind ‚Würde und Freiheit der Bürger‘ besser geschützt. Dort, wo Macht der Wenigen uneingeschränkt sich austoben kann, bleibt von Würde und Freiheit nicht mehr viel übrig.
Auf dieser Basis kann dann auch, so die Vision des Papstes, eine internationale Ordnung des Friedens unter den Völkern wachsen. Pius XII. im O-Ton:
„Aber eines ist sicher: dieser Augenblick wird kommen – und vielleicht eher, als man denkt – wo die einen und die anderen erkennen, daß es, richtig gesehen, nur einen einzigen Weg gibt, um aus den Schwierigkeiten herauszukommen, die die Welt wie ein ungeheures Netz umschließen, und zwar den Weg der Rückkehr zu einer seit langer Zeit vergessenen Gemeinsamkeit; einer Gemeinsamkeit, die sich nicht auf dieses oder jenes Volk beschränkt, sondern universell ist und auf der engen Gemeinsamkeit des Schicksals aller und der Gleichheit ihrer Rechte beruht.“ (148)
Also: Christlich inspirierte Demokratie nach innen, Friedensordnung und Völkergemeinschaft nach außen.
Bei dem schon erwähnten Jacques Maritain findet sich eine ähnliche Hoffnung, die auf eine christlich inspirierte Demokratie und eine internationale Zusammenarbeit setzt:
„Wir müssen mit ihnen (‚unsere Brüder und die kommende Geschlechter‘, BC) hoffen, daß trotz der Fieberschauer, denen die verschiedenen Nationen entweder durch die erlittenen langen, unsäglichen Qualen oder durch ihren Endsieg (so übersetzt, BC) selbst ausgesetzt sind, der Geist der Rache und des Nationalstolzes dem Geist übernationaler Gemeinschaft Platz macht, und daß trotz der äußeren und inneren Erschöpfung der Völker die in ihnen, zu allererst in den für die Freiheit geschulten Völkern, verborgenen vitalen Kraftvorräte die nötigen Männer erwecken und einer neuen Kultur und neuen Demokratie den Weg bahnen werden, deren christlicher Geist nicht nur im Abendland bei den lebendigen Erben der Religion Christi, sondern auch über die ganze Welt hin bei den sittlichen Energien der ‚anima naturaliter chistiana‘, der von Natur aus christlichen Seele, williges Gehör finden wird.“ (Maritain 1943/1949: 17)
Gewöhnungsbedürftig für heutige Ohren ist sicherlich der affirmative naturrechtliche Ton in den Aussagen Maritains, der sich so auch beim Papst findet. Für Maritain ist die Demokratie auch weniger ein konkretes politisches Arrangement oder ein Set von politischen Verfahren und Praktiken. Vielmehr ist die Demokratie eine allumfassende sittliche Idee für die ganze Welt.
Maritain im O-Ton: „Das Wort Demokratie bezeichnet zuallererst eine Gesamtauffassung sowohl vom menschlichen als auch vom politischen Leben und eine Geisteshaltung. Diese Gesamtauffassung und diese Geisteshaltung schließen grundsätzlich kein ‚Regime‘ und keine ‚Regierungsform‘ aus, soweit sie die klassische Ueberlieferung (‚der Staatswissenschaft‘, BC) als rechtmäßig, das heißt als mit der Menschenwürde vereinbar, anerkannt hat. (…) Doch ist es nicht weniger klar, daß kein dauerhafter Friede möglich ist, wenn die betreffenden Regierungen nicht die innere Uebereinstimmung über die wesentlichen Grundlagen des Gemeinschaftslebens, über die Achtung der Menschenwürde und über die Recht der menschlichen Person zur Voraussetzung haben.“ (30/31)
Der Gedankengang ist klar: Die Ideen des Nationalismus, des Faschismus, des Kommunismus sind gescheitert, wenn es um die Wahrung des inneren und äußeren Friedens, der Würde des Menschen, der Menschenrechte geht. Daher plädiert Maritain für ein – in nenne es einmal – christlich-demokratisches Projekt transnationalen Charakters, das eine mögliche Friedensordnung nach dem Krieg unterfüttern soll.
Der Protestant Reinhold Niebuhr blickt zur gleichen Zeit nüchterner auf die real existierende Demokratie. Als US-Amerikaner ist er lebensalltäglich nicht nur mit den Vorzügen, sondern auch mit den Schattenseiten der Demokratie als konkreter Praxis konfrontiert. Auch teilt er nicht den affirmativen naturrechtlichen Standpunkt des Katholiken Maritain. Niebuhr kommt eher von einer skeptisch-protestantischen Anthropologie. Es ist nicht die christlich verstandene Menschenwürde, die bei Niebuhr im Mittelpunkt steht, sondern das christlich inspirierte, realistische Menschenbild. Niebuhr schreibt in dem schon erwähnten Essay: „Modern democracy requires a more realistic philosophical and religious basis. (…) Man’s capacity for justice makes democracy possible; but man’s inclination to injustice makes democracy necessary.“ (1945: vi) Was es also braucht, so Niebuhr, ist „a Christian view of human nature“ (ebd. vii) Das christliche Menschenbild beschreibt, in Niebuhrs protestantischer Lesart, ein Bild des Menschen als moralisch ambivalentes Wesen. Man könnte es auch mit dem lutherischen „simul justus et peccator“ umschreiben. Ein Teil des Menschen ist – aus göttlicher Gnade – fähig zum Guten, zum Schönen, zum Gerechten. Ein anderer Teil des Menschen ist aber erlösungsbedürftig, da fähig zum Bösen, zum Scheußlichen, zur Ungerechtigkeit. Und selbst wenn der Mensch Gutes, Schönes, Gerechtes will, so kommt er doch nicht aus der „ambiguity of even his best actions“ (1940: 30) heraus.
Also auch hier: Die Kategorien von Gut und Böse, gerecht und ungerecht sind nie eindeutig, nie endgültig. Gerade wenn man sich mit Kollektivsubjekten wie Völker und Staaten beschäftigt, sind grobschlächtige moralische Kategorien entweder ein Ausdruck von analytischer Hilflosigkeit oder Ausdruck bewusster Verkürzung und damit Manipulation.
Um so wichtiger ist so unterschiedlichen Personen wie Bell, Maritain, Niebuhr und Pius XII eine Vision demokratischer Ordnung. Sie erhoffen sich mit der Demokratie eine friedliche, gerechte, christliche Gesellschaft nach innen, aber auch eine friedliche, gerechte, „ökumenische“ Kooperation nach außen.
In Georg Bells Predigt aus dem Jahr 1941 hört sich das dann so an:
“Love, not doctrine, nor order, is to supply the bands which draw Christians together. To put the matter in another form, the path along which all Christian may walk as brothers is that of collaboration, with a view to social and international reconstruction, under the guidance of ‘that Universal Love which is the compendium and most general expression of the Christian ideal.’” (1941: 224).[1]
3. Simone Weil – das Haar in der visionären Suppe
Zur Zeit des Krieges schreibt auch die Französin Simone Weil einige bemerkenswerte Texte. Weil setzt ihre Hoffnung aber nicht auf die Verwirklichung eines bestimmten politischen Systems und auch nicht so sehr auf die internationale Kooperation. Weil wird skeptisch, wenn es um bestimmte Organisationsformen und Allianzen geht; sie wittert Vereinnahmung und kollektive Unvernunft.
In einem Text, den Simone Weil 1943 kurz vor ihrem frühen Tod schrieb, formuliert Weil gar einen Frontalangriff auf das, was sie für die Demokratie hielt und forderte die „generelle Abschaffung der politischen Parteien“ (1943/2009). Warum? Weil politische Parteien dazu neigen, „kollektive Leidenschaften“ und „kollektiven Druck auf Andersdenkende“ zu befördern, und nur an ihrem eigenen Gedeihen und nicht am Wohl aller sich orientieren (ebd. 14). Nicht nur der einzelne Mensch kann der Sünde der übersteigerten Selbstliebe anheimfallen. Das kann auch einer Vielzahl von organisierten Menschen so gehen. Weil fragt bzgl. der Parteien rhetorisch nach: „Gibt es auch nur ein Quentchen Gutes in ihnen? Sind sie nicht ein Übel schlechthin, ein Übel wenigstens zum größten Teil?“ (ebd. 8)
Weils Skepsis erstreckt sich aber nicht nur auf die Parteien, sondern auch auf die real existierende Demokratie. Diese misst sie an sehr hohen Idealen: „Es gibt nur eine Wahrheit. Es gibt nur eine Gerechtigkeit.“ (9) Die Demokratie – Weil charakterisiert sie als die „Macht der größeren Zahl“ (8) – ist dabei nur dann von Wert, wenn sie zur Verwirklichung von Wahrheit und Gerechtigkeit beiträgt. Aber auch in der Demokratie erfassen „kollektive Leidenschaften“ das Volk und verhindern eine öffentliche Meinungsbildung (vgl. 13). Daher bleibt Weil skeptisch. Sie kann sich nicht für die Demokratie als Hoffnungsprojekt erwärmen.
Zumindest eine Hoffnung formuliert sie dann aber doch: Die Hoffnung auf eine Elite, die aus den Ruinen des Krieges etwas ganz Neues aufbaut. Was soll diese Elite tun bzw. wie soll sie aussehen? Simone Weil formuliert in einem anderen Essay aus dem Jahr 1943 sehr grundsätzlich:
„Das versklavte und unterdrückte Europa wird im Moment der Befreiung nur dann besseren Zeiten entgegengehen, wenn in der Zwischenzeit die Tugend geistiger Armut in ihm Wurzeln geschlagen hat. (…) Wir brauchen heute eine Elite, die unter den elenden Massen die Tugend der geistigen Armut erweckt. Dazu müssen vor allem die Mitglieder dieser Elite selbst arm sein, nicht nur geistig, sondern real. Sie müssen Tag für Tag, in ihrem Körper und in ihrer Seele, die Leiden und Demütigungen des Elends erfahren. (…) Sie müssen in ihrem Umgang mit der Masse, die sie umgibt, dieselbe aufrichtige Demut beweisen wie ein Eingebürgerter gegen über den Bürgern seines Aufnahmelandes.“ (1943/2011: 211).
Weil setzt auf ein asketisches Ideal unter den zukünftigen Entscheidungsträgern. Dieses asketische Ideal soll den ganzen Menschen erfassen, dessen geistige und die materielle bzw. körperliche Dimensionen.
Das folgende Zitat macht deutlich, für was diese neue Eliten Vorbild sein sollten: „Wenn auf diesem elenden Kontinent ein Glauben entstünde, wäre der Sieg rasch, sicher und dauerhaft. (…) Die feindlichen Verbindungslinien werden inmitten der unterdrückten Bevölkerungen hergestellt, und sie brächen zusammen, wenn sich das Feuer eines wirklichen Glaubens auf diesem gesamten Gebiet ausbreiten würde. (…) Für Unglückliche kann es nur einen Weg zum Glauben geben, die Tugend der geistigen Armut. Doch dies ist eine verborgene Wahrheit. Denn geistige Armut gleicht scheinbar der freiwilligen Knechtschaft. Sie ist sogar damit identisch bis auf ein unendlich Kleines. Dasselbe unendliche Kleine, das unendlich viel mehr ist als alles andere.“ (ebd. 213).
Viele Rätsel! Was sich aber hier auszudrücken scheint inmitten all der Männlichkeit des Krieges, des zerstörerischen Machtgehabes, des selbstherrlichen Narzissmus ist eine fast mystische Sehnsucht nach neuen, authentischen, d.h. demütigen Eliten aus. Es braucht neue Vorbilder. Man ist fast geneigt zu sagen: Weil sehnt sich nach neuen Heiligen für die orientierungslosen Massen eines taumelnden Europas. Hält sie sich selbst für ein solche Heilige? Sie selbst hat das Ende des Krieges nicht mehr erlebt; 1943 hungerte die Mitdreißigerin sich in England zu Tode.
Hoffnung auf eine gerechte und demokratische Ordnung. Hoffnung auf die internationale und ökumenische Verständigung. Hoffnung auf demütige Eliten. Mir scheint, dass sich die Antworten auf die großen Ordnungsfragen zwischen 1943 und 2023 sehr ähneln.
LITERATUR
Bell, G. K. A. 1941: The Basis of Christian Co-Operation, Cambridge, 26. Oktober 1941, in: G.K.A. Bell 1946: The Church and Humanity (1939-1946), London & New York & Toronto, 219-231.
Bell, G.K.A. 1944: Obliteration Bombing, House of Lords, 9. Februar 1944, in: G.K.A. Bell 1946: The Church and Humanity (1939-1946), London & New York & Toronto, 129-141.
Blumenberg, Hans 1971: Anthropologische Annäherungen an die Aktualität der Rhetorik, in: Ders. 2001: Ästhetische und metaphorologische Schriften, Frankfurt/Main, 406-431.
Maritain, Jacques 1943/1949: Christentum und Demokratie, Augsburg.
Moyn, Samuel 2015: Christian Human Rights, Philadelphia: University of Pennsylvania Press.
Niebuhr, Reinhold 1940: Christianity and Power Politics, New York: Charles Scribner’s Sons.
Niebuhr, Reinhold 1945: The Children of Light and the Children of Darkness. A Vindication of Democracy and a Critique of its Traditional Defenders, London: Nisbet.
Pius XII. 1944: Rundfunkbotschaft, Rom, 24. Dezember 1944, zitiert nach: Texte zur katholischen Soziallehre, hrsg. von Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Deutschland, 9. Auflage, Köln & Kevelaer: 2007, 137-151.
Weil, Simone 1943/2009: Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien, Zürich: diaphanes.
Weil, Simone 1943/2011: Dieser Krieg ist ein Krieg von Religionen, in: Simone Weil: Krieg und Gewalt. Essays und Aufzeichnungen, Zürich: diaphanes, 205-214.
[1] Bell zitiert hier Pius XII.; vgl. dessen Ansprache vor dem Kardinalskollegium vom 24. Dezember 1939, Zitat nachgewiesen in: Principles For Peace. Selections From Papal Documents Leo XIII To Pius XII. Washington: National Catholic Welfare Conference, 1943, S. 638.
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