Ulrike Halbe-Bauer * Claire

Ulrike Halbe-Bauer, Claire, Wellhöfer Verlag, Mannheim 2019

Claire war Klara. Ein Kriegskind. Die schrecklichen Luftangriffe in Oberhausen und brandgefährliche Nächte im Luftschutzkeller. Ihre Mutter bringt sie nach Damwiler in den Elsass zur Tante, in der Hoffnung, dort gehe es besser als im Ruhrgebiet. Klara wird zu Claire und spricht Französisch. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wird sie wieder zurückgeholt – oder zurückgeworfen. Sie bricht aus der Familie mit dem fremden Vater aus und gründet eine eigene Familie, die wiederum in den achtundsechziger Zeiten mit den Sitzstreiks und Vietnam-Demos in Köln auseinander gehen wird. Als Künstlerin, Sängerin und Tänzerin findet Claire in der Freiburger Kulturfabrik ihren neuen Platz.

Dort trifft sie auf Pilar – die zum Tanz auf ihre Bühne kommt -, und dort unentgeltlich arbeitet, was Claire empört, und sie engagiert sich dafür, dass die junge Spanierin sprachlich und beruflich gefördert wird. In den Gesprächen der Kulturfabrikler mit Pilars Vater sowie in Pilars Familie wird deren Geschichte erzählt, aus Francos Spanien und den Folgen des Bürgerkrieges wegzugehen.

„Hier in Freiburg berichtete Papa abends stolz von Betriebsversammlungen und freute sich, weil in Köln bei Ford wilde Streiks ausbrachen. Angeführt von uns, von den Gastarbeitern, ereiferte er sich. Die Deutschen lernen dazu.“  Seite 46

„Besonders die Nachkriegszeit in Deutschland, in Oberhausen, erschien mir fremd. Ich war durch die deutsche Schule zwar  mit der Nazizeit bestens vertraut, über die Zeit danach hatten wir dagegen wenig geredet. Neuanfang, Grundgesetz, die Enge der Adenauerzeit, das Wirtschaftswunder, das waren natürlich Stichwörter, aber wie die Menschen sich fühlten, die in der Trümmerlandschaft mit ihrer Schuld, mit den vielen Toten und ihren kaputten zwischenmenschlichen Beziehungen leben mussten, das war kein Thema.“  Seite 86

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Claire wird Pilars Mentorin, Pilar stärkt Claire, nicht zuletzt mit ihrem Kunsthandwerk. Pilars hinausschweifende Radtouren an der Dreisam, um den Kaiserstuhl herum und mit Matthias in die Provence.

Wie Ulrike Halbe-Bauer beide Frauen, ihre Männer und Fanilien charakterisiert und deren Umgebungen schildert, wirft vielerlei Blicke auf die Geschichten und Befindlichkeiten der Nachkriegszeiten in der Bundesrepublik und in Spanien. Dank Claires Unterstützung wird aus Pilar eine junge Lehrerin, und sie erlebt in ihrem Schulalltag eine persönliche Beziehung sowie integrative Herausforderungen, wie sie auch heute aktuell auf der Tagesordnung stehen. So könnte der Roman auch überschrieben sein: Claire und Pilar.

Dieses neue Buch von Ulrike Halbe-Bauer ist ebenso gut zu lesen und empfehlenswert wie ihre vorangegangenen historischen Romane:

„Schwalben über dem Fluss. 1848 in Baden“. Historischer Roman von Ulrike Halbe-Bauer

Zur Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs hat  Sätze & Schätze soeben eine Autobiografie besprochen:

https://saetzeundschaetze.com/2019/11/22/ilsa-barea-kulcsar-telefonica/

Herzliche Lesergrüße aus Nürnberg, Bernd

 

 

 

Rafik Schami: Die geheime Mission des Kardinals

Rafik Schami, Die geheime Mission des Kardinals, Roman, Carl Hanser Verlag, München 2019, 431 Seiten. Readers in English Language please checkout here.

Im Jahr 2010 spielt Rafik Schamis Roman – vor der Bürgerbewegung und dem Krieg in Syrien. Kommissar Barudi zählt bereits die Tage bis zu seinem Ruhestand und übernimmt seinen letzten Fall. Kardinal Cornaro wird tot in einem Fass Olivenöl der italienischen Botschaft in Damaskus angeliefert; von seinem Begleiter, einem Pater, fehlt jede Spur. Um Verwicklungen mit Italien und dem Vatikan zu vermeiden, wird Barudis famoses Team mit den Ermittlungen beauftragt und der römische Commissario Mancini hinzugezogen – der Beginn einer kollegialen Freundschaft.

Rafik Schami schildert die Ereignisse beim Vorgehen der Kriminalpolizei in Konkurrenz zum Geheimdienst des Regimes, mit dem er nichts zu tun haben will. Welche Rolle spielen die Wunderheilerin, der Bergheilige und die kirchlichen Würdenträger?

In Erzählung und Tagebuch-Eintragungen erfahren wir nicht nur von Barudis früheren Kriminalfällen, sondern auch von seiner verstorbenen Ehefrau. Deren Pflegesohn wird im weiteren Verlauf eine wichtige Rolle einnehmen in der Islamisten-Zone. Barudi und Mancini, der seine Erfahrungen aus dem Anti-Mafia-Einsatz in Italien mitbringt, geraten in Gefahren.

„Und du kannst dich immer daran erinnern, wer dir eine Geschichte erzählt hat?“, fragte ich. „Nicht immer, aber eigentlich tut das nicht viel zur Sache. Niemand wird seine Geschichte, wenn ich sie gewürzt habe, wiedererkennen.“ Seite 87

„Heute hat Ali gesagt: „Wer gegen das Unrecht kämpft, wird sich nie langweilen.“ Er hat recht. Ich fühle Enttäuschung, Freude, Befriedigung, Genugtuung, Müdigkeit, Niedergeschlagenheit und vieles andere mehr, aber Langeweile kenne ich nicht.“  Seite 134

„Mancini sagte vorhin zu mir: „Fanatiker kennen keinen Zweifel, deshalb sollte man Kindern in der Schule von der ersten Klasse an die Philosophie des Zweifelns beibringen.“ Seite 333

„Gegen elf Uhr setzten sich Barudi und Mancini an Barudis Laptop. Assistent Ali hatte sich per E-Mail gemeldet:  Ich habe bei Gott eine Verlängerung des Tages auf 36 Stunden beantragt. Antrag wurde abgelehnt. Liebe Grüße, Ali.“ Seite 339

Beeindruckend, wie Rafik Schami von Syrien erzählt, analytisch und kritisch, von Glauben und Aberglauben, über die Liebe …

 

Verlagsangaben mit Leseprobe:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-geheime-mission-des-kardinals/978-3-446-26379-6/

Bei wordpress besprechen das Buch unter anderen:

https://thebootedkat.wordpress.com/2019/07/22/in-einer-zerbrechlichen-welt/

Bücheratlas:

Rafik Schami setzt seinen Kommissar auf einen Kardinal im Olivenfass an