Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom: Unzertrennlich. Über den Tod und das Leben

Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom: Unzertrennlich. Über den Tod und das Leben, Mit Fotos von Reid Yalom, Übersetzt und mit einem Nachwort von Regina Kammerer, btb Verlag, München 2021

Irvin D. Yalom and Marilyn Yalom, A Matter of Death and Life, Stanford University Press, Stanford, California, 2021

Wer von Irvin und Marylin Yalom gelesen hat, mag ihren gemeinsamen Weg mit diesem Buch teilen. Beide hochbetagt und schwer krank schreiben in den ersten zwei Dritteln des Bandes abwechselnde Kapitel von ihrem jeweiligen und wechselseitigen Befinden. Er hat einen Herzschrittmacher bekommen und sie ein Multiples Myelom mit kritischer Prognose. Sie sorgen sich umeinander und bereiten sich darauf vor, dass ihre 65-jährige Ehe enden wird.

Das Autorenpaar schildert die medizinischen Schritte – bei den besten Ärztinnen und Ärzten der Standford University – , viele Erinnerungen aus ihrem Leben von der jungen Liebe, akademischen Karrieren, liebevollen Begleitung durch ihre Kinder mit Familien sowie viele Freunde, während sie selbst schon viele Freundinnen und Kollegen verabschieden mussten.

„Wir geben ein feines Paar ab, ich mit meinem Myelom und er mit seinem Herzen und den Gleichgewichtsproblemen. Zwei alte Menschen beim letzten Tanz ihres Lebens.“ (Seite 71)

Er nimmt Abschied von seiner psychotherapeutischen Praxis und sie von ihrem literarischen Salon, der Bibliothek und dem Familienschmuck. All dies weckt Erinnerungen an Wegbegleiterinnen, Familiengeschichten, geteilte Lektüren und gemeinsame Reisen.

Die Chemotherapien und andere, die Diskussionen über Palliativ- und Hospizpflege und einen etwaigen assistierten Suizid. Dies muss man nicht mögen und teilen. Doch nach der neuen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes hierzulande und einer ausstehenden Gesetzgebung ist es womöglich hilfreich, Fallgeschichten von andernorts zu bedenken.

Irvin muss seine Marylin schließlich loslassen und verabschieden.

Im folgenden Drittel des Buches schildert Yalom seine Trauerarbeit. Nicht nur alte Kollegen und die ältere Tochter mit allen Geschwistern helfen, sondern auch die Alltagsroutine am Schreibtisch mit Korrespondenzen und der Rückblick in die eigenen Romanwerke mit auffrischenden Erinnerungen. Marylin hat ihm auf den Weg gegeben, dieses gemeinsame Buch zu beschließen.

Ein Spruch von Nietzsche kommt Yalom in den Sinn: „Viele sterben zu spät, und einige sterben zu früh … ’stirb zur rechten Zeit‘!“ (S. 21) Einen gewissen Trost sieht er darin, dass seine Frau kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie verstarb und darunter nicht mehr leiden musste, gewissermaßen zur „rechten Zeit“.

„Ich bin mir gewiss, dass ich dem Ende meines Lebens entgegen gehe, und doch empfinde ich seltsamerweise nur wenig Angst vor dem Tod – ich habe einen verrückten Anfall von innerer Ruhe. Wann immer ich nun über den Tod nachdenke, beruhigt mich der Gedanke, „zu Marilyn zu gehen“. Vielleicht sollte ich einen Gedanken, der so viel Balsam bietet, nicht bezweifeln, aber ich entkomme meinem eigenen Skeptizismus nicht. Was im Himmel bedeutet zu Marylin gehen am Ende wirklich?“ (S. 297)

Irvin D. Yalom wird am 13. Juni 2021 90 Jahre alt.

Vor drei Jahren hatte ich Yaloms Autobiografie vorgestellt, und in den Kommentaren dazu finden sich Lesefrüchte dazu:

Irvin D. Yalom: Wie man wird, was man ist * Becoming Myself: A Psychiatrist’s Memoir

Neil Young 75

All the best wishes to Neil Young at his 75th birthday. What a musician he is and remains over decades and generations. Just some personal memories.

Growing up with the Harvest album, trying to learn guitar playing as well, learning American English through his song texts as well as the moods of love and loss, politics and privacy. Listening to the Woodstock record and watching the Woodstock movie, at which Neil Young did not want to be broadcasted.

How I enjoyed to listen to Neil Young at his concerts around here in Germany: Cologne, Nuremberg, Erfurt, Leizpig, Coburg and Munich.

Neil Young inspired and comforted me with his tunes and bands, vinyl albums or CDs, thoughts and dreams over all these years.

Just now, I recollect „Harvest“ with „Heart of gold“, „After the goldrush“, „Cortez the killer“ and „Through my sails“ at „Zuma“, „Rust never sleeps“, „Like a hurricane“, „Keep on rocking in the free world“, „Let’s impeach the president“, as well as „The painter“ and so many other songs.

 

Which quote would be appropriate today? Perhaps:

„Old man, take a look at my life, I’m a lot like you were … „

 

You are welcome to listen to Neil Young and feedback with your own memories and thoughts.

Yours from Nuremberg

Bernd

Postcript:

Heidi from Switzerland has a link to the recent Farm Aid Festival, which was initiated long ago by Neil Young and a lot of friends:

Farm Aid Festival: Unterstützung für bäuerliche Familienbetriebe in den USA

I always liked Neils Youngs album „Comes a time“, country styled, with his song „Field of opportunity“ and all the others.

Louise Erdrich: The Master Butchers Singing Club * Der Club der singenden Metzger

Louise Erdrich: The Master Butchers Singing Club. 2001. Deutsch: Der Gesang des Fidelis Waldvogel. Übersetzung von Renate Orth-Guttmann, Eichborn, Frankfurt 2004, auch als: Der Club der singenden Metzger. Suhrkamp, Frankfurt 2006

Verfilmt 2019 von Regisseur Uli Edel: Der Club der singenden Metzger

Eine Auswanderung aus Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg, Ehe- und Familiengeschichte von Fidelis und Eva, eine zweite Beziehungs- und Familiengeschichte von Delphine und Cyprian, das Drama von buchstäblichen Leichen im Keller und dem Alkoholverfall von Delphines Vater Roy, Freundschaften und Gegnerschaften, der Arbeit in der Metzgerei, und wie Fidelis die kleinstädtische Gemeinschaft mit dem Singclub zusammen bringt, das Aufwachsen der Söhne des ersten Paares, die teils nach Deutschland zurückkehren, teils bleiben und in den Zweiten Weltkrieg ziehen, und was die Familiengeschichte von Delphine mit Wounded Knee zu tun hat … Eine fesselnde Erzählung in einer besonderen Sprache mit eindrucksvollen Bildern, Assoziationen und der Fülle des Lebens.

Wie so manches gelesene Buch hatte ich dies nicht im Blog besprochen. Die aktuelle Verfilmung der ARD – alle Fotos vom Bildschirm! – animiert mich zu diesem Hinweis. Buch lesen und oder den Film ansehen! Was für Bilder, Szenen und Geschichten … Dass Buch und Film nicht identisch sind und sein können, bedarf keiner Erläuterung.

Die ARD Mediathek hat den Film bis zum 26. Januar 2020. Obacht: Doppellänge 180 Minuten, die es wert sind!

Herzliche Grüße und danke für Euere Reaktionen

Bernd

 

The Wiz * Der Zauberer von Oz – Musical

Wer will sich verzaubern lassen?  * Who wants to get enchanted?

The Wiz. Der Zauberer von Oz. Musical nach L. Frank Baums: „The Wonderful Wizard of Oz. Buch: William F. Brown. Musik und Liedtexte: Charlie Smalls. Deutsch: Roman Hinze. Regie: Peter Kirchner

„In dieser Bruchbude Musical machen?!“ fragt Tante Em – und spielt damit an auf die Sanierung der Gebäude der Philosophischen Fakultät in der Regensburger Straße in Nürnberg. Ja, läuft. Und wie. Das bewährte Team der Musikpädagogik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg gestaltet mit den Studierenden zum wiederholten Mal eine wunderbare Darbietung.

Wie Dorothy aus der Musical-Probe durch ein Gewitter ins Zauberland von Oz verschlagen wird, ist mit Ausstattung und Bühnenbild hinreißend inszeniert. Der Chor und seine Ensembles sind phantasievoll kostümiert, maskiert, bildschön choreographiert und mit der Live-Band bestens eingestimmt.

Auf ihrem Weg trifft Dorothy im Zauberland von Oz die Hexen und den Zauberer – hier verlegt nach Franken und in die Oberpfalz zwischen Hersbruck und Sulzbach-Rosenberg. Nach den winterlichen Munchkins trifft Dorothy auf ihrem Weg die Vogelscheuche, den Blechmann und den Löwen. Gemeinsam durchleben sie ihre Vorgeschichten und verfolgen ihre Wünsche: ein Gehirn für die quicklebendige Vogelscheuche mit den Strohhaaren, ein Herz für den robotigen Blechmann, der geölt werden will, und Mut für den verzagten Löwen, das Einzelkind.

Prof. Wolfgang Pfeiffer schreibt dazu: „Der Zauberer von Oz erzählt von Träumen, die wahr werden, wenn man nur ganz fest an sich glaubt. Können, Selbstvertrauen und Zuversicht, das sind die Tugenden, die unsere angehenden Lehrer sehr gut gebrauchen können.“ (Aus dem Programmheft, Seite 6)

 

          

Wie sie in ihren Weg gehen, in der Smaragd-Stadt den Zauberer von Oz für sich einnehmen, die betörende westliche Hexe mit dem weichen Wasser aus der Wasserspritzpistole zur Ruhe setzen, dies schaffen sie solidarisch. Toto begleitet sie mit dem bekannten „Somewhere over the rainbow“ – hier an der Ukulele. Der Zauberer von Oz wird ihnen aus seiner eigenen Biografie ein Diplom-Gehirn, ein Herz und den Löwenherz-Mut verleihen. Dorothy wird erlöst durch die gute Hexe des Südens, Glinda, und mit Hilfe der silbernen Zauberschuhe ihr Zuhause finden.

Mit wunderbaren Stimmen, Band-Sounds, coolen Sprüchen und hintersinnigen  Gedanken ist das Nürnberger Uni-Musical – wie in den vergangenen Jahren – ein Genuss für alle Sinne.

Fotos und Videos sowie Karten für die letzten Aufführungen bis zum 9. Juni, mit bester Empfehlung:

http://uni-musical.de/

 

King’s Courage * Kings Mut

Martin Luther King touched and moved many people. He organized and lead the Civil Rights Movement in the United States of America. His ideas and activities inspired the peace movement in Europe as well. Along with his fellows, he achieved a lot. As do his followers today in the anti-gun-movement. In his book „Strength of Love“, he wrote about the sources of courage. For twenty years, King’s home town of Atlanta is sister city with Nuremberg.

 

Zum 50. Todestag von Martin Luther King

Martin Luther King berührte und bewegte viele Menschen. Er sammelte und leitete die Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Seine Ideen und Aktivitäten inspirierten zahlreiche Menschen in der Friedensbewegung in Europa. Beim Ostermarsch sangen wir zum Gedenken an ihn und seinen Traum: „We shall overcome“.

Vieles haben Martin Luther King und seine Weggefährten erreichen können. Anderes bleibt offen. Kürzlich haben viele Menschen auch in seinem Sinne gegen die Waffengewalt in den USA demonstriert.

Die Heimatstadt von Martin Luther King, Atlanta, und Nürnberg pflegen seit 1998 eine Städte-Partnerschaft.

http://www.anko-nue.org/ANKONue/Willkommen.html

Hier etwas Lesestoff:

„Wir können unsere Furcht durch eine der höchsten menschlichen Tugenden bezwingen: durch den Mut. Plato betrachtete den Mut als jenes Element der Seele, das den Widerspruch zwischen Verstand und Trieb überbrückt. Aristoteles hielt den Mut für den Ausdruck der eigentlichen menschlichen Natur. Thomas von Aquin sagte, der Mut sei die Stärke des Geistes, die alles zu überwinden vermag, was uns daran hindern will, die höchsten Güter zu erringen.

Der Mut also ist die Kraft des Geistes, die Furcht zu überwinden. Anders als die Angst hat die Furcht stets einen bestimmten faßbaren Gegenstand zum Inhalt, den man betrachten, begreifen, zergliedern und notfalls ertragen kann. Wie oft ist Gegenstand der Furcht die Furcht selbst! In seinem ‚Journal‘ schrieb Henry David Thoreau: ‚Nichts ist so sehr zu fürchten wie die Furcht!‘ Jahrhunderte früher schrieb Epiktet: ‚Nicht Tod und Not sind zu fürchten, sondern nur die Furcht vor Tod und Not.‘ Der Mut greift die Furcht an und überwindet sie. Paul Tillich sagt: ‚Mut ist Selbstbehauptung trotz allem … was das Selbst daran hindern will, sich zu behaupten.‘ Mut ist Selbstbehauptung trotz Tod und Vergänglichkeit. Der Mutige bezieht die Furcht vor dem Tod in seine Selbstbehauptung ein und handelt entsprechend. Diese mutige Selbstbehauptung, die gewiß ein Heilmittel gegen die Furcht ist, hat nichts mit Selbstsucht zu tun. Sie umschließt sowohl eine vernünftige Eigenliebe als auch einen gehörigen Grad an Nächstenliebe. Erich Fromm hat in überzeugenden Worten erklärt, daß die rechte Art der Eigenliebe und die rechte Art der Liebe zum Nächsten voneinander abhängen.“

Seite 176 – 177

Martin Luther King jr., Kraft zum Lieben, (Strength to Love), Konstanz 1971

 

Irvin D. Yalom: Wie man wird, was man ist * Becoming Myself: A Psychiatrist’s Memoir

Irvin D. Yalom, Wie man wird, was man ist. Memoiren eines Psychotherapeuten, Aus dem Amerikanischen von Barbara v. Bechtolsheim, btb Verlag, München 2017, 448 Seiten. Verlags-Seite mit Leseprobe u. a.

Irvin D. Yalom, Becoming Myself: A Psychiatrist’s Memoir, Basic Books, New York 2017, 352 pages. Publisher’s Page

Yalom erzählt sein Leben, schreibt es auf. Er beginnt mit zwei thematischen Träumen, schildert seine Herkunft und Familiengeschichte von russischen Einwanderern, geboren 1931 und aufgewachsen in Washington D. C.

Buch-Blogger werden den Abschnitt mögen, wie sich Yalom als Junge in der Washington Central Bibliothek von A bis T durch das Regal der Biografien las. Zu seiner religiösen Sozialisation verfasst er ein „Selfie-Interview“ zur Bar Mizwa mit dem Jugendlichen und dem gereiften Dr. Yalom.

Dann lernen wir Irvins Jugendliebe Marilyn kennen, die er heiratet, und deren gemeinsamer Weg familiär und kreativ verlaufen wird.

Den Stress, dass die Medizinische Hochschule der George Washington University eine Zulassungsbeschränkung von fünf Prozent für jüdische Studierende hatte, konnte er mit Ängsten und Schlafstörungen meistern. Am Städtischen Krankenhaus von Boston behandelt Yalom seine erste psychiatrische Patientin. Das weitere Studium verbringt er an der John Hopkins University. Darauf folgend wird er zum Militärdienst am Tripler Krankenhaus in Honolulu auf Hawaii einberufen. Von dort aus wechselt er an die Standford University, wo er lange bleiben wird, und auf die er in seiner Autobiografie ein Loblied singt.

Irvin Yalom schildert eingehend seine psychoanalytische und psychotherapeutische Ausbildung und seine Ausrichtung auf die Gruppentherapie, zu der er in mehreren Auflagen ein erfolgreiches Lehrbuch beiträgt. In dem Abschnitt „Ankommen“ schildert er eine Ausbildungsgruppe am National Training Laboratory Institute mit einer Szene:

„Ich wendete mich der Gruppenleiterin zu und sprach sie direkt an: ‚Ich bin neugierig, was es mit Ihrem Schweigen auf sich hat. Könnten Sie etwas zu Ihrer Rolle hier sagen?‘ Diesmal antwortete sie (kurz): ‚Meine Rolle ist es, die Gruppenleiterin zu sein und alle Gefühle und Vorstellungen, die die Gruppenmitglieder über Führungspersönlichkeiten haben, zu ertragen.'“ (Seite 165)

Weiter erzählt und schreibt Yalom von den wechselhaften Entwicklungen der Gruppentherapie und den Encounter-Gruppen mit Forschungs-Semestern in London, Wien, Oxford und Paris sowie der Zuwendung zum Schreiben – „Jeden Tag ein bisschen näher“ – und seinem Konzept  der „Existenziellen Therapie“ mit der Neigung zur Philosophie:

„Ich befasste mich mit Nietzsche, Sartre, Camus, Schopenhauer sowie mit Epikur und Lukrez. Kant, Leibnitz, Husserl und Kierkegaard ließ ich beiseite, weil ihre Konzepte nach meinem Eindruck für die klinische Anwendung weniger relevant waren.“ (Seite 234)

„Ich sagte mir oft: die Realität des Todes mag uns zerstören, aber die Vorstellung vom Tod kann uns retten. Es bringt die Erkenntnis auf den Punkt, dass wir nur eine Chance zu leben haben und am Ende möglichst wenig bedauern sollten.“ (Seite 245)

Zwischendurch reist Yalom, reisen die Yaloms, nach Indien, Japan, China und Bali.

Alle bisherige Lebens- und Leserfahrungen Yaloms münden in sein Buch „Und Nietzsche weinte“. Wie er dies konstruiert und imaginiert ist eindrucksvoll. „Gides Aphorismus treu geblieben zu sein: Fiktion ist Geschichte, die sich hätte zutragen können.“ (Seite 319)

Im nächsten Roman, „Die Rote Couch“, geht Yalom weniger historisch als persönlich vor. Da hier in Blog-Diskussionen schon einmal von Camus die Rede war, hier Yalom zu einer Glas-Skulptur, „die einen Mann zeigt, der über den Rand einer Schale blickt, mit dem Titel ‚Sisyphus genießt den Ausblick.'“ (Seite 324)

Irwin Yalom erzählt von seinen weiteren Büchern, und Buchblogger werden seine Anmerkungen zu Verlagsverhandlungen oder Filmrechten schätzen. Zuletzt schildert Yalom eine Begegnung:

„Mir fiel eine Frau auf, von der ich zuerst meinte, es sei meine Mutter. Plötzlich spürte ich eine – neue – Welle von Zärtlichkeit für sie und fühlte mich schuldig, dass ich sie in diesem Buch kritisiert habe. Wie meine Mutter wirkte die Frau auf dem Foto ungebildet, verängstigt, fleißig und als versuche sie, zu überleben und ihre Familie in dieser merkwürdigen fremden Kultur aufzuziehen. Mein Leben ist so reich, so privilegiert und so sicher – wesentlich weil meine Mutter so hart arbeitete und so großzügig war. Ich saß da in diesem Deli und weinte, während ich in ihre Augen schaute und in die Augen all der anderen Flüchtlinge. Ich hatte ein Leben lang meine Vergangenheit erforscht, analysiert und rekonstruiert, aber ich merke jetzt, was für ein Jammertal noch in mir ist, das ich wohl nie werde bewältigen können.“ (Seite 442)

Autoren-Seite mit Biografie, Bibliografie u. a. : http://www.yalom.com/index.html

Hannah Arendt: „Die Freiheit, frei zu sein“ * „The freedom to be free“

Hannah Arendts Essay „The freedom to be free“ (um 1967) wurde gerade aus ihrem Nachlass herausgegeben. Neue Leser*innen mögen sie entdecken, ältere werden den Text genießen. Auf 35 Seiten beschrieb Hannah Arendt hier ihr Verständnis der Freiheit anhand der Begriffsgeschichte und der modernen Revolutionen, insbesondere in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Frankreich.

Der Begriff der Revolution stammt nicht aus der antiken Tradition des politischen Denkens, sondern aus der Astronomie, von Nicolaus Copernicus, „De revolutionibus orbium coelestium“, Nürnberg 1543. Zu übersetzen: „Über die Umschwünge der himmlischen Kugelschalen“, oder: „Über die Kreisbewegungen der Weltkörper“ (Einfügung des Autors nach: Lexikon der philosophischen Werke). Hannah Arendt berichtet, dass der Ausdruck Revolution beim Übergang in die politische Sprache zunächst ganz anders gebraucht wurde – im Sinne von Restauration, Wiederherstellung – so in England um und nach Cromwell bei der „Glorious Revolution“ 1688 (S. 13).

Auf den Punkt diskutiert Hannah Arendt die Ursachen, den Verlauf und die Folgen der Revolutionen in den USA und in Frankreich und zitiert die amerikanischen Verfassungsdenker ebenso wie die französischen Revolutionäre.

Condorcet wollte „das Wort revolutionär … mithin nur auf Revolutionen anwenden, die die Freiheit zum Ziel haben.“ (S. 11)

Nach John Adams sei die Revolution in den USA vollzogen gewesen, „bevor der Unabhängigkeitskrieg begonnen hatte“, weil die Bewohner der Kolonien „durch das Gesetz in Körperschaften zusammengefasst waren, die politischer Natur waren“, mit dem Recht, sich in „town halls zu versammeln, um dort über öffentliche Angelegenheiten zu beraten“; „in diesen Versammlungen der Städte und der ländlichen Bezirke wurde die Denkungsart des Volkes ursprünglich geformt“. (S. 18 – 19)

„Diese öffentliche Freiheit ist eine handfeste lebensweltliche Realität, geschaffen von Menschen, um in der Öffentlichkeit gemeinsam Freude zu haben – um von anderen gesehen, gehört, erkannt und erinnert zu werden. …“ (S.22)

„Die Männer der ersten Revolutionen wussten zwar sehr wohl, dass Befreiung der Freiheit voran gehen musste, waren sich aber noch nicht der Tatsache bewusst, dass eine solche Befreiung mehr bedeutet als politische Befreiung von absoluter und despotischer Macht; dass die Freiheit, frei zu sein, zuallererst bedeutete, nicht nur von Furcht, sondern auch von Not frei zu sein. …“ (S. 24)

In der Französischen Revolution, so Hannah Arendt, „stellte sich heraus, dass nicht nur die Freiheit, sondern auch die Freiheit, frei zu sein, stets nur das Privileg einiger weniger gewesen war. Aus dem gleichen Grund jedoch blieb die Amerikanische Revolution weitgehend folgenlos für das historische Verständnis von Revolutionen, während die Französische Revolution, die krachend scheiterte, bis heute bestimmt, was wir heute als revolutionäre Tradition bezeichnen.“ (S. 26)

In dieser Zusammenfassung kann nicht alles wiedergegeben werden, was Hannah Arendt zitiert von Machiavelli, Kant, Marx und Tocqueville, von Rosa Luxemburg und anderen, zu den deformierten oder abgebrochenen Revolutionen und ihren Folgen, – bemerkenswert ist ihre eigene Deutung von Geburt und Wiedergeburt, der Gebürtigkeit des Menschen:

„Und diese geheimnisvolle menschliche Gabe, die Fähigkeit, etwas Neues anzufangen, hat offenkundig etwas damit zu tun, dass jeder von uns durch die Geburt als Neuankömmling in die Welt trat. Mit anderen Worten: Wir können etwas beginnen, weil wir Anfänge und damit Anfänger sind.“ (S. 37)

In seinem lesenswerten Nachwort zur Entstehung und Argumentation des Essays sowie Hannah Arendts Denkweg führt Thomas Meyer „die Rede von der ‚Freiheit, frei zu sein'“, zurück auf Henry David Thoreau, aus: „Life without principle“, 1863, „Leben ohne Prinzipien“:

„Was bedeutet es, frei geboren zu sein, aber nicht frei zu leben? Welchen Wert hat politische Freiheit, wenn sie nicht Mittel ist für moralische Freiheit? Ist es die Freiheit, Sklave zu sein, oder die Freiheit, frei zu sein, auf die wir stolz sind?“ (S. 47)

Folgende Aufnahmen bitte anklicken zum Vergrößern:

Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Wirthensohn. Mit einem Nachwort von Thomas Meyer, dtv, München 2018

Verlag: https://www.dtv.de/buch/hannah-arendt-die-freiheit-frei-zu-sein-14651/

“The Freedom to Be Free”, in: Thinking Without a Banister. Essays in Understanding, 1953-1975, By Hannah Arendt. Edited by Jerome Kohn, Published by Schocken, Mar 06, 2018, ISBN 9780805242157

https://www.penguinrandomhouse.com/books/4712/thinking-without-a-banister-by-hannah-arendt/9780805242157/

 

Henry David Thoreau 200

„Henry David Thoreau wird als geistiger Vater Gandhis, Martin Luther Kings und der gegenwärtigen Friedensbewegung immer bedeutender. Ein  Pionier für Natur- und Umweltschutz, alternative Lebensformen, „Zivilen Ungehorsam“.

Henry D. Thoreau mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Hans-Dieter und Helmut Klumpjan, rowohlt monographie, Reinbek bei Hamburg 1986

Illustrationen aus dem Band und weitere Titel – bitte zur Vergrößerung anklicken:

Zum 200. Geburtstag Henry Davids Thoreaus am 12. Juli 2017.

Bei WordPress gibt es in mehreren Blogs Besprechungen und schöne Zitate zu finden und Links zu weiteren Medien.

Dazu eine aktuelle Ausstellung bei The Morgan Library & Museum in New York, die Thoreaus Tagebücher behandelt:

http://www.themorgan.org/exhibitions/thoreau

Hörfunksendung des Südwestdeutschen Rundfunks als Audio-Podcast:

Henry David Thoreau: Vordenker des zivilen Ungehorsams

06.07.2017 | 28 Min. | Quelle: SWR

„Bis heute wird Thoreau als Popstar der Ökologie-Bewegung gefeiert und als wiederentdeckter Held des globalisierten Widerstandes gegen den Staat. Ist das alles nur ein Mythos?“

In der Sendung kommen zu Wort unter anderen Frank Schäfer, Autor einer neuen Biografie, sowie der Herausgeber der Tagebücher:

Frank Schäfer, Henry David Thoreau – Waldgänger und Rebell. Eine Biographie, Suhrkamp Taschenuch 2017

Henry David Thoreau, Tagebuch I, Originaltitel: The Journal (Englisch), Übersetzung: Rainer G. Schmidt, Matthes & Seitz, Berlin 2016

Tagebuch II, Übersetzung: Rainer G. Schmidt, 2017
Nachtrag:

Buch-Bloggerin „Sätze & Schätze“ bespricht hier die Neu-Erscheinung: Henry David Thoreau, Leben ohne Grundsätze, Übersetzung von Peter Kleinhempel, Limbus Verlag, Innsbruck 2017:

https://saetzeundschaetze.com/2017/12/02/henry-david-thoreau-leben-ohne-grundsaetze-1863-2017/