Albrecht Dürer: Maria mit Kind

Mit dieser Zeichnung von Albrecht Dürer, die vor wenigen Jahren in Boston aufgefunden wurde, wünsche ich allen Leserinnen und Lesern frohe Weihnachten!

Die Nachricht darüber berührt mich. Wer als Kind schon mit Dürer „geimpft“ wurde, freut sich mit dem Finder und allen Liebhaberinnen. Nach einer vorhergehenden Kurzmeldung konnten die Nürnberger Nachrichten vor einer Woche ein Experten-Interview dazu beitragen:

„Dieser Fund ist eine Sensation“. Dürer-Entdeckung. Warum ein Schnäppchen vom Hinterhof-Verkauf ein Original des Meisters aus Nürnberg und damit viele Millionen wert ist: Interview mit dem Kunsthistoriker Christof Metzger von der Wiener Albertina. Er hat das neu aufgetauchte Blatt untersucht und für echt befunden. Interview: Birgit Ruf, Nürnberger Nachrichten, Samstag, 18. Dezember 2021, Seite 6.

Demnach könnte die Zeichnung auf 1503 datiert werden, wie eine ähnliche Version im Londoner British Museum. Auch das Frankfurter Städel hat motiv-verwandte Werke wie den naheliegenden Kupferstich und Gemälde.

Wiewohl wir hier keine Geburts- und Krippenszene finden, – der Junge richtet sich auf und hat eine Blume in der Hand; Maria sitzt mit ihm auf einer Rasenbank, wie im Grünen -, finde ich es passend für die weihnachtliche Bilderwelt.

Frohe Weihnachten, liebe Leserinnen und Leser, friedliche, gesunde und segensreiche Feiertage mit herzlichen Grüßen aus Nürnberg von Bernd

Nachtrag, Ende Januar 2022:

Die kunstgeschichtliche Betrachtung und Diskussion ist im Gange. Ist das Blatt nicht von Dürer persönlich, sondern von seinem Schüler Hans Baldung?, wie Thomas Schauerte wiederum in den Nürnberger Nachrichten argumentiert.

Merry Christmas, dear readers in English language. You might take a look at the Agnews Gallery in London with their recent exhibition of the drawing, „Dürer at his time“.

Further watching – weiterschauen: Dokudrama Dürer, 89 Minuten, bis 3. März 2022 in der Mediathek von arte:

„Die Regisseurin Marie Noëlle („Marie Curie“, „Ludwig II.“) hat sich Dürers angenommen und ein packendes Dokudrama inszeniert, das im Wechselspiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit aus der faszinierenden Biografie Albrecht Dürers (Wanja Mues) erzählt. Das Dokudrama ist voll von großen und kleinen Geschichten; von den Lehr- und Meisterjahren über den einsetzenden Ruhm an der Seite seiner Frau Agnes (Hannah Herzsprung) und weit über seinen Tod hinaus – bis heute. Sein Leben ist ein Faszinosum, das sich im Lichte aktueller Forschungen immer klarer rekonstruieren lässt: Wie lebte ein Getriebener wie er in einer düsteren Zeit voller sozialer, politischer und technischer Umbrüche?“

Nachtrag, 20. März 2023:

Maria auf der Rasenbank, das Kind stillend – Staatsbibliothek Bamberg, Germany – CC BY-SA.
https://www.europeana.eu/item/713/item_UDCZXKUE4KZJDWWD4QPGC7QGQUZXILHN

Sebastian Brant: Das Narrenschiff * Ship of fools, 1494

Sebastian Brants „Das Narrenschiff“ aus dem Jahre 1494 gehört in diese Jahreszeit und zu meinen Lieblingsbüchern. Readers in English language please check out: https://en.wikipedia.org/wiki/Ship_of_Fools_(satire)

Wie heutige Kabarettisten, Comedians und Karnevalisten nahm Brant seinerzeit das Zeitgeschehen, die politischen und kirchlichen Obrigkeiten ebenso aufs Korn wie vielerlei menschliche Begebenheiten und Unzulänglichkeiten. Zu den über hundert gereimten Texten hatte Albrecht Dürer zahlreiche Holzschnitte beigetragen. Das Buch soll damals der größte deutschsprachige und lateinisch übersetzte „Bestseller“ gewesen sein.

Unserem Vater verdanke ich seine Redewendung in den passenden Situationen: „Da könnst‘ a Narr wer’n“ und seinem Nachlass die Ausgabe:

Sebastian Brant, Das Narrenschiff. Text und Holzschnitte der Erstausgabe 1494. Zusätze der Ausgaben 1495 und 1499. Textfassung und Erläuterungen von Elvira Pradel, Einleitung von Claus Träger, Nachbemerkung zu den Holzschnitten von Michael Stuhr, Röderberg-Verlag, Frankfurt am Main 1980, (Reclam Leipzig 1980) … Printed in the German Democratic Republic 1980, Gesamtherstellung Grafischer Großbetrieb Völkerfreundschaft Dresden

Die einzelnen Kapitel haben einen Vorspruch, einen Holzschnitt und ein Reimgedicht. Ich mag unter vielen andern „Die Lehr der Weisheit“: 22  Wer gern die Weisheit hört und lehrt, gänzlich zu ihr sich allzeit kehrt, der wird in Ewigkeit geehrt.“

Der gleiche Holzschnitt begleitet den letzten Text „Der weise Mann“ Nummer 112: „Von Narren gab ich euch Bescheid, damit ihr sie erkennt am Kleid, wer weise sein will um und um, les meinen Freund Virgilium.“

Über Wikipedias Narrenschiff sind mehrere Online-Digitalisate der ersten Drucke erreichbar. Der ganze Text ist lesbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-narrenschiff-2985/1

Jürgen Weber hat 1988 nach Vorbild in Hameln für Nürnberg ein Narrenschiff gestaltet:

Bei WordPress: Buchstabensuppe bespricht ihre Lektüre der Reclam-Ausgabe des Narrenschiffes. Rappelsnut bloggt über den Tag der Kunst in Pirna zum Narrenschiff.

Die Universitätsbibliothek Basel bringt zum dort gedruckten Narrenschiff den Holzschnitt „Von unnützen Büchern“ . Der Vorspruch zu dieser Nummer 1: „Im Narrentanz voran ich geh, denn ich viel Bücher um mich seh, die ich nit les und nit versteh.“

„Von unnützen Büchern

Daß ich sitz vornan in dem Schiff,
hat wahrlich ein‘ besondern Griff:
ohn Ursach ist das nit getan,
auf meine Librei kommt mirs an.
Von Büchern hab ich großen Hort,
versteh doch drin gar wenig Wort
und halt sie dennoch so in Ehren –
ich tu sogar den Fliegen wehren.
Von Wissenschaft man reden tut –
sprech ich: „Daheim steht sie sehr gut!“
Damit begnüg ich mich seit je,
daß ich viel Bücher um mich seh.
Ptolemäus für sich bestellt,
daß er all Bücher hätt der Welt,
und hielt das für ein‘ großen Schatz;
doch fand er nicht den rechten Satz,
noch konnt daraus belehren sich.
Ich hab viel Bücher auch um mich
und les doch ganz wenig darin.
Warum sollt ich ändern den Sinn,
beschweren mich mit Wissenslast?
Wer viel studiert, wird ein Phantast.
Ich halte mich für einen Herrn,
bezahl einen, der für mich lern.
Und hab ich schon ein‘ groben Sinn,
doch wenn ich bei Gelehrten bin,
so kann ich „ita“ sprechen: „So.“
Des deutschen Ordens bin ich froh,
denn ich gar wenig kann Latein;
ich weiß, daß vinum heißet Wein,
gucklus ein Gauch, stultus ein Tor
und daß ich heiß domne doctor.
Die Ohren sind verborgen mir,
man säh sonst gleich des Müllers Tier.“

(hier: Seite 29)

Sätze und Schätze bespricht die zeitgeschichtliche Anverwandlung von 1962: Das Narrenschiff von Katherine Anne Porter.

Eine Verfilmung dieses Romans, „Ship of fools“, 1965, gewann 1966 zwei Oscars. Zu den „Ship of fools“ gibt es zahlreiche Rock und Pop-Versionen. Die rockige Version Narrenschiff von Karat und die Ballade Narrenschiff von Reinhard Mey findet Ihr mühelos vernetzt.

Frohe Fastnacht und schöne Grüße

Bernd

 

Universales Lesen

Liebe Leser*innen,

lesen in der Universal-Bibliothek von Reclam. Herzlichen Glückwunsch zum 150. Geburtstag! Hier ein persönlicher  Beitrag.

     

Philosophie

Mein Lieblingstext und meist gelesenes Reclam-Heft ist Platons Gastmahl – über den Eros. Wie Sokrates und seine Freunde über die Liebe philosophieren – bleibt unvergleichlich. Diotima in der Schilderung von Sokrates: „Wohlan, ich will es dir sagen. Es ist nämlich ein Zeugen im Schönen, sei es im Leibe, sei es in der Seele“. (S. 79)

Platons Schüler und Kritiker Aristoteles eröffnet seine Metaphysik: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen …“ (S. 17)

Einmal hatte ich an den Reclam Verlag geschrieben und gebeten, Aristoteles‘ „Über die Seele“ heraus zu bringen, und wenige Jahre später freute mich die Ausgabe in Griechisch und Deutsch:

„Weil man die Seele hauptsächlich durch zwei unterschiedliche Merkmale bestimmt, nämlich durch Ortsbewegung einerseits und Denken, Begreifen und eine Art von Wahrnehmen andererseits, so scheinen auch das Denken und Beurteilen so etwas wie Wahrnehmen zu sein … “ (S. 139)

In Diogenes Laertius „Leben und Lehre der Philosophen“ finden sich viele Erläuterungen. Cicero war ein weiteres Lese-Erlebnis; er hatte die griechischen Erfahrungen ins Römisch-Lateinische übertragen und überliefert. „Es gibt ja kein Gebiet, auf dem die menschliche Tugend dem göttlichen Walten näher kommt, als wenn es gilt, neue Staatswesen zu gründen oder das Bestehen bereits gegründeter zu sichern.“ (Über den Staat, S. 23)

Marc Aurel schreibt in seinen Selbstbetrachtungen unter anderem: „Wer aber eine vernünftige, welt- und staatsbürgerliche Seele hochachtet, der hat kein anderes Interesse mehr, dagegen sucht er seine eigne Seele in vernünftiger und gemeinnütziger Verfassung und Tätigkeit zu erhalten und hierzu auch den Mitgenossen seines Geschlechts behilflich zu sein.“ (S. 87)

Boethius‘ „Trost der Philosophie“ übersetzte das antike Denken ins Mittelalter: „Das vollkommene Gute aber, so haben wir aufgestellt, ist das vollkommene Glück. Das wahre Glück also muß notwendig in Gott, dem Höchsten, wohnen.“ (S. 103)

Was wären die Menschenrechte, unser Grundgesetz ohne die Menschenwürde, die Pico della Mirandola begründete: „Über die Würde des Menschen“: „Hochverehrte Väter! In den Schriften der Araber habe ich gelesen, der Sarazene Abdala habe auf die Frage, was sozusagen auf der Bühne dieser Welt als das Bewundernswerteste erscheine, geantwortet, nichts erscheine der Bewunderung würdiger als der Mensch.“ (S. 5)

So geht es weiter bei Jean-Jacques Rousseaus Gesellschaftsvertrag: „Ich bin als Bürger eines freien Staates geboren und Glied des Souveräns, und so schwach auch der Einfluß meiner Stimme auf die öffentliche Angelegenheiten sein mag – mein Stimmrecht genügt, mir die Pflicht aufzuerlegen, mich darin zu unterrichten.“ (S. 5)

Neuere Philosophie

Was hat die Universal-Bibliothek von Reclam alles zu bieten, darunter:

  • Schillers „Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen“
  • Schellings „Über das Wesen der menschlichen Freiheit“
  • Schleiermachers „Über die Religion“
  • Marx und Engels „Manifest der kommunistischen Partei“
  • Thomas Nagel „Was bedeutet das alles?
  • Manuela Di Franco „Die Seele. Begriffe, Bilder und Mythen“
  • und so weiter und so fort …

Literatur

  • Ovid,  Liebeskunst
  • Apuleius, Das Mächen von Amor und Psyche
  • Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie
  • Johannes von Tepl, Der Ackermann und der Tod
  • Die Pegnitz-Schäfer. Nürnberger Barock-Dichtung
  • Wackenroder / Tieck: Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders
  • Johann Wolfgang Goethe, Faust
  • Friedrich Hölderin, Hyperion
  • Christoph Martin Wieland, Musarion
  • Heinrich von Kleist, Michael Kohlhaas

Theater

Über die älteren und neueren Theaterstücke gibt es ebensoviel zu erzählen – Reclam sei Dank. Seien es die antiken Dramen  von Sophokles, Euripides, Aischylos und Komödien von Aristophanes – oder Shakespeare und die Modernen.

"Chorführerin:
Der Ankömmlinge schützt, Zeus schaue herab
Auf unseren Zug, der zu Schiffe sich hob
Von den Dünen feinkörnigen Sands im Gemünd
Des Nils. Ist sein ja das Land auch
Aus Syriens Grenzen, aus dem wir entflohn, 
Nicht daß blutige Schuld durch das Urteil des Volks
Die Heimat zu meiden uns zwänge,
Nein, aus eigenem Trieb, vor den Männern zu fliehn,
Verschmähend die Eh' mit den Söhnen Aigypts
Und ihr göttermißachtendes Treiben. ..." 
Aischylos, Die Schutzsuchenden, S. 5

"Chor
Ungeheuer ist viel und nichts
Ungeheuerer als der Mensch. ...
Sophokles, Antigone, S. 18
"Die Welt scheint mir mitunter leer von Begriffen und das Wirkliche unwirklich. Dieses Gefühl der Unwirklichkeit, die Suche nach einer wesentlichen, vergessenen, unbenannten Realität, außerhalb derselben ich nicht zu sein glaube, wollte ich ausdrücken - mittels meiner Gestalten, die im Unzusammenhängenden umherirren und die nichts ihr eigen nennen, außer ihrer Angst, ihrer Reue, ihrem Versagen, der Leere ihres Lebens. Wesen, die in ein etwas hinausgestoßen sind, dem jeglicher Sinn fehlt, können nur grotesk erscheinen, und ihr Leiden ist nichts als tragischer Spott. Wie könnte ich, da die Welt mir unverständlich bleibt, mein eigenes Stück verstehen? Ich warte, daß man es mir erklärt.
Eugène Ionesco, Die Stühle. Der neue Mieter, Vorsatz

 

Reclam Leipzig

  • Albrecht Dürer, Schriften und Briefe, Leipzig 1978: „Die groß Kunst der Molerei ist vor viel hundert Johren bei den mächtigen Künigen in großer Achtbarkeit gewesen, dann sie machten die fürtrefflichen Künstner reich, hieltens wirdig, dann sie achteten solche Sinnreichigkeit ein geleichförmig Geschöpf noch Gott. Dann ein guter Maler ist inwendig voller Figur, und obs müglich wär,  daß er ewiglich lebte, so hätt er aus den inneren Ideen, dovan Plato schreibt, allbeg etwas Neus durch die Werk auszugießen.“ (S. 153)
  • Griechische Atomisten. Texte und Kommentare zum materialistischen Denken der Antike, Leipzig 1977
  • Sebastian Brant, Das Narrenschiff. Texte und  Holzschnitte der Erstausgabe 1494 …, Röderberg Verlag, Frankfurt am Main 1980 (Reclam Leipzig 1980)
  • und andere

Reclam Leipzig und Stuttgart schauen in die Welt

Annemarie Schimmel war die Übersetzerin und Interpretin der arabischen und und persischen Literatur. Mehr davon bietet Reclam mit Al-Farabi und Ibn Kaldun.

Und sonst?

  • Das meist gebrauchte und zerfledderte ist bei mir das Fremdwörterbuch
  • In den Arbeitstexten für den Unterricht, deutsche Kurzgeschichten für das 9.- bis 10 . Schuljahr, mochte ich Heinrich Böll, „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“
  • Die „Leseliste“ bietet eine Anleitung mit 600 Titeln zum Weiterlesen
  • Im Universal-Notizbuch sammle ich Herbstgedichte …

Gute Wünsche dem Reclam Verlag und eindrucksvolle Bildungs-Erlebnisse allen Leser*innen

Bernd Arnold

 

Reclam Verlag: https://www.reclam.de/