Ida Herz und Thomas Mann

Friedhelm Kröll: Die Archivarin des Zauberers. Ida Herz und Thomas Mann, ars vivendi verlag, Cadolzburg 2001, 240 Seiten

Liebe Leserinnen und Leser,

mit einem Blick und Griff zog ich kürzlich die Studie von Friedhelm Kröll aus dem Bücherschrank. Ausweislich der Widmung und Einlagen war ich damals Gast der Buchpräsentation. Aus gegebenem Anlass der Jahrestage von Thomas Mann mag ich das spannende Wiederlesen hier nacherzählen.

Ida Herz (1894 – 1984) war als 14-Jährige von ihrer Lektüre Thomas Manns begeistert, las und sammelte alles von ihm, was ihr in die Hände fiel. Sie absolvierte eine Ausbildung in der Verlagsbuchhandlung Schrag in Nürnberg. Eine erste kleine persönliche Begegnung erinnert sie in der Frankfurter Buchhandlung Joseph Baer, Anfang 1922. Am 24. Februar 2024 erblickte Ida Herz Thomas Mann in der Straßenbahn von Fürth nach Nürnberg, er kam von einer Lesung und hielt abends einen weiteren Vortrag. Ida Herz fasste sich ein Herz und sprach den verehrten Schriftsteller an, der sich freute und sie zu einem gelegentlichen Besuch nach München einlud. Mehrere Wochen lang, 1925, ordnete sie Thomas Manns Bibliothek in München. Sie pflegten eine Brieffreundschaft, versorgten sich wechselseitig mit neuen Informationen, Publikationen und besuchten sich, so dass sie seine Familie kennenlernte und er auch ihre Verwandtschaft. Idas Eltern führten im Nürnberger Stadtteil Gostenhof die Firma Herz und Beselau, Darm-, Gewürz- und Fleischerutensilien, in die sie als Prokuristin eintrat. Sie arrangierte für Mann einen Vortrag bei den „Freunden der Volkshochschule“, der am 10. Mai 1932 in Nürnberg stattfand unter dem Titel: „Goethes Laufbahn als Schriftsteller“.   

Autor Friedhelm Kröll schildert, dass der Schriftwechsel um und nach der nationalsozialistischen Machtergreifung intensiv geworden sei. Für beide schwerste Belastungen. Thomas Mann wird von einer internationalen Vortragsreise zu Wagner-Vorträgen in Amsterdam, Brüssel und Paris nicht mehr nachhause zurückkehren, sich zeitweise in der Schweiz und Frankreich, später in den USA aufhalten. Das Münchner Haus wird beschlagnahmt. Mit Hilfe einer Haushälterin und Freunden gelingt es Ida Herz unter persönlichen Risiken, dort zunächst ein aktuelles Arbeitskonvolut des Joseph-Projektes zu holen und in die Schweiz zu senden, später auch zwei Drittel der Bibliothek in 37 Kisten. Ihre eigene Thomas-Mann-Sammlung von Dokumenten bringt sie sicherheitshalber unter bei der französischen Legation, Gesandtschaft in München.  

Im März 1934 und April 1935 kann Ida Herz die Manns in Zürich-Küsnacht besuchen. Juli / August 1934 wird sie nach Hausdurchsuchung allerdings für sieben Wochen in Untersuchungshaft in Nürnberg festgehalten wegen ihres Kontaktes zu Thomas Mann sowie kritischen Äußerungen über die Reichsregierung und Gauleiter Julius Streicher. Nach erneuter Denunziation und Erlass der „Nürnberger Gesetze“ des Reichstages vom 15. September gelingt Ida Herz am 16. September 1935 die Flucht in die Schweiz und Ende 1936 die Ausreise nach London. Vom Deutschen Reich wird Ida Herz 1938 ausgebürgert.  

Der Literaturwissenschaftler und Soziologe Friedhelm Kröll legt mit psychoanalytischer Note anhand von Briefen und Dokumenten aus dem Züricher Thomas-Mann-Archiv – zu dem die Herz Collection einen beträchtlichen Beitrag leistet – detailliert dar, wie sich die Beziehung von Herz zu Mann über die Jahrzehnte entwickelt und welche Bedeutung sie für sein Schaffen gewonnen hat. Dies umfasst sowohl die bibliothekarischen und archivalischen Leistungen wie die Eindrücke und Informationen aus der jüdischen Lebenswelt in der „übelsten Nazi-Stadt“ und den Gedankenaustausch über die deutsch-jüdischen Verhältnisse.

Ida Herz äußerte sich in eigenen Vorträgen und Artikeln später persönlich bescheiden und würdevoll. Selbst desillusioniert und gekränkt von einigen geringschätzigen und spöttischen Äußerungen („unselige Herz“) in den später veröffentlichten Tagebüchern von TM. Wiederum betont Kröll die Würdigung des „Sohnes Lübecks“ für die „Tochter Nürnbergs“. Thomas Mann setzte Ida Herz in seinem „Doktor Faustus“ laut Kröll ein „literarisches Denkmal“.

Für Friedhelm Kröll (1945 – 2023) war es ein Desiderat, dass der Briefwechsel weiter erforscht und ediert werde, auch insofern er zu den umfangreichsten Korrespondenzen von Thomas Mann gehöre. Dieser Wunsch ging nun in Erfüllung:

Thomas Mann & Katia Mann, „Liebes Fräulein Herz“. Briefwechsel mit Ida Herz 1924–1955, Herausgegeben von Holger Pils, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, Erscheinungsdatum: 28. Mai 2025, 800 Seiten – Leseprobe auf der Verlagsseite

Soweit für heute. Herzige Grüße aus Nürnberg sendet Bernd