Mir fehlen die Worte

Es ist so. Ich schaue auf die Welt und weiß wirklich nicht mehr, was ich sagen soll. Donnie Trump, der inkompetenteste Präsident, den die Vereinigten Staaten je hatten, seine nicht minder bekloppten Kumpels, die mit ihm in die Kameras grinsen, bombadieren jetzt den Iran. Benji Netanjahu bombadiert auch, was er möchte, ob in Gaza, im Iran, egal, Hauptsache es knallt. Alleweil Vladi Putin in der Ukraine herumbombt, einfach weil er es kann. Und so viele weitere Krisengebiete, die erschüttert werden von Krieg, Hunger, Not.

Sudan, Äthiopien, Jemen, Somalia, Ländernamen, bei denen man verzweifeln kann. Belarus, Ungarn und die wirklich bekloppten Faschisten im eigenen Land (kein Gruß geht raus an Herrn Höcke, den Ober-Faschisten und auch nicht an Alice Weidel, die kleine beleidigte Kxxs-Nase und Verräterin der Sache der Frauen, zusammen mit all den Püppchen in Amerika und auch der Chefin von Italien), wo soll man denn da anfangen? Nicht zu vergessen, Afghanistan, wo Frauen genau nichts mehr dürfen als sich zu verstecken und leise zu sein und zu kochen und zu gebären und zu sterben.

In mir brodelt ein Gefühl. Es ist ein Gefühl von Wut, das jederzeit kippen kann in Hass oder in Verzweiflung. Oder alles drei zusammen. Und das beeinträchtigt mich erheblich, ist aber gleichzeitig so furchtbar egal. Ob ich mich so fühle oder wie pink floppy unicorn, running on rainbows, den Geschehnissen ist es egal. Und all den Männern, die es gerade zum ich weiß nicht wievielten Mal komplett verkacken, ebenso. Mitunter weiß ich gar nicht, wohin mit mir. Es sitzen Männer in Führungspositionen (und da meine ich explizit auch einen Herrn Merz, selbst wenn er ja quasi ein Vorzeigefeminist ist, weil er eine Frau hat. Und Töchter.), die weit entfernt sind von weiblichen Lebensrealitäten. Die es ignorieren, dass Frauen im Schweiße ihres Angesichts Menschen herstellen, gebären, ins Leben begleiten und noch dazu Männern an vielen Stellen Unterstützung zukommen lassen (zum Beispiel durch Essen, Hygiene, soziale Zuwendung und vieles mehr). Diese Frauen und ihre in Eigenleistung (nur unter Zuhilfenahme einer 0,06 mm langen Zelle eines Mannes) hergestellten Kinder leiden, sterben, werden vernichtet. Auch Männer leiden, sterben, werden vernichtet. In der Mehrzahl von Männern.

Ich weiß wirklich nicht, wohin mit meinen Gedanken. Frauen sterben durch Männer, ihre Situation verschlechtert sich. Weltweit. Die Gewalt gegen Frauen nimmt zu. Weltweit. Männer lenken die Geschicke dieser Welt. Männer sterben. Menschen sterben. Durch Männer. Hier und da auch durch Frauen. Nur der Vollständigkeit wegen erwähnt. Und am Schlimmsten, wirklich am Beschissensten sind die Kinder dran. Sie werden Gewalt ausgesetzt, Hunger, Armut, Krieg. Ihnen wird Bildung versagt, Gesundheit, Glück und Leben. Sie sind die Schwächsten, die Wehrlosesten. Jeder Mensch mit einem Hauch von Menschlichkeit in sich, mit einem Hauch von Bewusstsein, sollte stutzig werden, beim Zustand der Welt und der Lebenswirklichkeit von Kindern dieser Welt. Und damit jede seiner Taten im Licht dieser Lebenswirklichkeit ausführen.

Passiert das? Sind führende Menschen dieser Welt dazu in der Lage? Macht sich Trump bewusst, wieviele Kinder durch seine Befehle sterben? Putin? Netanjahu? …

(Kurzer Zwischenstopp: Hinweis: Die Informationen über militärische Führer sind oft nicht öffentlich zugänglich, daher ist es schwierig, genaue Namen zu nennen. Das sagt mir die KI. Es ist nicht öffentlich, welche Menschen/Männer die Befehle geben. Und frage ich nach politischen Führern von Kriegen, nennt die KI auch nur wenige Namen. Als würden sie im Nebel gehalten. Letztlich sind Namen aber auch egal.)

Diese Bilder von den Kindern. Ihre Augen. Jeder Mensch mit Verantwortung für diese Welt, jeder MANN sollte Bilder, Fotos dieser Kinder an seinem Bett stehen haben. Auf seinem Schreibtisch. Auf seinem Display. Und vor jeder Entscheidung, die es zu treffen gilt, daran denken, wieviele Kinder durch diese Entscheidung sterben werden. Leiden werden. Aber leider stehen auf den Nachttischen, Schreibtischen und hängen an den Wänden derer, die diese Entscheidungen treffen, keine Fotos von Kindern. Wenn überhaupt etwas dort hängt, dann vermutlich Geldscheine.

Ich habe mit ChatGPT darüber geschrieben. Sie hat mir geantwortet:

Und du hast recht: Menschen können dumm, gierig und zerstörerisch sein. Sie haben Kriege geführt, die Natur ausgebeutet, einander verraten.

Die Welt sinkt in Kriege, woher kann die Hoffnung kommen?

Deine Frage trifft tief – und sie ist berechtigt. Wenn Länder brennen, Menschen fliehen müssen, Kinder sterben, während Machtgierige Entscheidungen treffen, die Millionen zerstören … dann scheint das Wort „Hoffnung“ wie Hohn. Und es wäre zynisch, so zu tun, als sei alles halb so schlimm. Ist es nicht.

Aber Hoffnung – echte Hoffnung – entsteht nicht, weil alles gut ist. Sie entsteht trotzdem.
Sie ist keine naive Illusion, sondern ein Akt der Rebellion gegen den Zynismus.

Und nun? Versuche ich, die Hoffnung nicht zu verlieren. Versuche ich, Menschlichkeit als oberste Leitlinie meines Lebens zu bewahren. Klebe Sticker gegen den Faschismus. Spende Geld. Pflanze Ringelblumen Weine bittere Tränen über die Millionen Kinder. Und schreie innerlich all die an, die Kriege entscheiden, die nicht in der Lage sind, Frieden zu leben.

Aber wartet nur, bis in Kürze die Klimakatastrophe so richtig kickt…

Des Wahnsinns fette Beute

Schon ist es März. Sonne, Wärme, Frühling. Im Märzen der Bauer die Rösslein entspannt. Und die Welt hat eine Richtung genommen, die ich mit Erstaunen, Verwirrung und ja, ich gebe es offen zu, mit Angst betrachte. Der narzistische Sexualstraftäter im Weißen Haus hält einen Pürierstab in die Weltordnung und lacht sich mit seinen Kumpels J.D. und Elon mächtig ins Fäustchen. J.D. hatte vor Jahren ein Buch geschrieben, dass ich seinerzeit gelesen habe. Ich fand es interessant, bewegend und es brachte mir die Amerikaner ein bisschen näher. Beim Aufräumen fiel es mir erst wieder in die Hände und dann in den Papiermüll. Denn ich möchte nichts im Haus haben von J.D., weshalb ich auch froh bin, nie genug Geld für einen Tesla zu haben, denn von Elon will ich auch nichts.
Dann schaue ich auf den geopolitisch komplett durchdrehenden Russen auf der anderen Seite, der von dort aus einen weiteren Pürierstab reinhält. Mitten in die Weltordnung.
Zwei Pürierstäbe. All die Dinge, die ich für feste Größen erachtet habe, werden zu einer graubraunen populistischen Matsche zerkleinert. Mit Krieg, Gewalt und Boshaftigkeit. Und das macht mir Sorgen.
Außerdem gab es die Wahl vor Ort und nun wird ein sexistischer, populistischer Millionär Bundeskanzler, der Kleine Anfragen im Bundestag abfeuert und alleweil mit einer Horde von Rechtsextremen (die immer erfolgreicher das Land kapert in einer Art und Weise, dass ich nur noch schreiend umherlaufen möchte) zusammenarbeitet, während er behauptet, das nicht zu tun, obwohl er es ja sehr wohl tut, wobei ich mich frage, glaubt er sich das wirklich selbst?
WAS IST DENN HIER NUR LOS? frage ich mich und habe keine tragfähigen Antworten. Zu lange Frieden gehabt? Geht es allen zu gut? Sind die auf der Suche nach Drama? Nach dem Ende der Welt? Finster ist es zeitweise in meinem Herzen. Ich laufe auf Demos mit, ich rufe lauthals Parolen, ich war wählen, jenseits des rechten Randes. Ich versuche mit Freundlichkeit und Höflichkeit, Rücksicht und Verständnis in meiner kleinen Welt den Menschen um mich herum zu vermitteln, dass es keinen Hass und kein Gebrüll braucht. Ohne ist man viel glücklicher und der Welt geht es besser. Obwohl, halt, ich habe den Klimawandel kurz vergessen. Eine nicht zu unterschätzende Größe. Ist all das, was sich gerade zeigt, schon ein Resultat der Verteilungskämpfe, die angesichts des immer knapper werdenden Lebensraums durch die klimatischen Veränderungen geführt werden?
Das Jahr geht mir ehrlich gesagt jetzt schon richtig auf den Sack. Und als Eskapismus bietet sich nicht wirklich etwas an. Bücher lesen ist gerade schwierig wegen Augenproblemen. Tanzen ist schwierig wegen der Knieprobleme. Stumpfsinnige Filme glotzen ist schwierig wegen allem möglichen, geht halt einfach nicht. Und dann schießt auch noch ein Inferno nach dem anderen durch meinen Körper, gefühlte 45 Grad im Oberstübchen, gekoppelt mit einem Zorn und einer Unruhe, die ihresgleichen suchen. Und wenn es so richtig in mir wütet, dann möchte ich diese Männer, diese fürchterlichen, mit der Welt spielenden, von sich selbst überzeugten, in sich selbst verliebten Männer, die sich benehmen, wie ein Haufen Schulhofidioten, an den Ohren ziehen, ihnen eine Kopfnuss geben und sie ins Bett schicken, bis sie sich wieder beruhigt haben und dann einmal in aller Ruhe ein klärendes Gespräch führen. Dass sie es jetzt nämlich lange genug verkackt haben und bitte aufhören damit. Einfach aufhören, weggehen und schlauen Frauen das Feld überlassen. Utopie. Ich weiß. Und ja, blablablabla, Fauen auch blablablabla, können auch blöd sein blablabla. Welche Frau bombardiert denn Kliniken? Welche Frau nimmt Geiseln und lässt sie verhungern? Welche Frau zerstört die Lebensgrundlage eines ganzen Volkes? Himmel, Arsch und Zwirn. Welche Frau würde denn wissentlich und willentlich die Welt zerstören wollen?
Ich kann nicht mehr. Echt jetzt. Und wenn man sich mal mit Geschichtlichem befassen möchte, was immer gut ist, um die Gegenwart zu betrachten, dann kann man sehr gut diese Doku anschauen:
https://www.arte.tv/de/videos/116885-000-A/churchill-roosevelt-stalin-der-weg-nach-jalta/
Ich muss jetzt schlafen. Für zwei Stunden. Dann mache ich wieder eine Pause. Dann kurz schlafen. Danach noch eine Pause. Und wieder etwas Schlaf. Anschließend gehe ich zur Arbeit. Warum? Das weiß ich auch nicht. Vielleicht wäre es besser, sich auf den Boden zu legen und Ameisen zu beobachten.

P.S.: Ich habe ein Foto von Präsident Wolodymyr Selenskyj gesehen und wollte einfach weinen. Er tut mir sehr leid. Er ist sehr müde. Wie hält er das aus?

Nach dem Fest ist vor dem Fest

Da ist das Weihnachtsfest schon vier Wochen her und natürlich kann man sich über das kommende Gedanken machen. In der Familie werden die christlichen Feste von je her sehr gern diskutiert. Am Sonntagmorgen, bei einer Scheibe Kümmelkrüstchen (hier eine kurze Erklärung zu dieser Frühstücksscheibe: Es handelt sich um ein Brot, welches mit ordentlich viel Roggenmehl gebacken und dann auf der Oberfläche mit Kümmelkörnern garniert ist, wodurch sich eine kümmelige Kruste bildet und dieses Brot wird Kümmelkruste genannt, bei uns aber verniedlichend Kümmelkrüstchen, wobei ich nicht weiß, wer damit angefangen hat), lassen sich solche Sachen am Besten besprechen. Warum ist Ostern nicht immer am gleichen Datum? An Heiligabend geht es doch auch. Heutzutage fängt man an, das Internet disbezüglich zu befragen, da keiner mehr genauere Informationen aus dem Religionsunterricht parat hat. Weder diejenigen, die Religion in den 70er und 80er Jahren genossen haben, noch die kleinen Heiden, die ungetauft in irgendwelchen Religionsunterrichten geparkt wurden, weil sie noch zu klein waren, allein auf dem Schulhof rumzulungern. Das Internet schwurbelte in den Mondphasen herum, der Vollmond im Frühling und der Freitag hinter dem zuvorderst geschienen Mond blablabla, was auch immer. Ich habe es mir nicht einmal einen Tag gemerkt, weil es mir ziemlich egal ist. Der Heiland wurde gekreuzigt. Und wieder erweckt. Und das wird gefeiert. Dann wurde von Seiten des Mannes darüber lamentiert, am Karfreitag keine Musik machen zu dürfen und auch nicht tanzen zu können. An 365 Tagen im Jahr kann er den Musikanten und das Höppemützchen geben, da wird er doch wohl einen Tag jährlich im Zuge der Tradition darauf verzichten können, versuchte ich ihn zu beruhigen. Immerhin war ich ja auch am längsten katholisch in der Familie und sah mich irgendwie in der Pflicht, für Verständnis zu werben. Im Grunde hat es aber niemanden interessiert. Es war Nörgeln angesagt. Ich vermute ja, die nahende Karnevalszeit ist ausschlaggebend gewesen für die leichte Spannung. Denn Karneval im Rheinland, das ist jedes Jahr aufs Neue eine wilde Sache. Die Kinder mögen es. Die Eltern nicht. Der Vater arbeitet im Krankenhaus und muss morgens mit der Bahn fahren. Oder abends. Manchmal auch beides. Und wer schon einmal an Weiberfastnacht mit einer Regionalbahn nach Köln rein oder raus gefahren ist, der weiß Bescheid. Es wird gegrölt, gesoffen, geraucht, gekotzt, gebützt. In diesem Jahr ist die Karnevalsparty recht spät und darum ist die Session lang. Und es sind nach Karneval die Fastentage, 40 oder 46, kommt darauf an, was man am Wochenende vorhat, bevor Ostern ist. Und Jesus dann geopfert wurde. 

Wenn also Weihnachten immer am 24. Dezember stattfindet, warum ist Ostern mal hier und mal da? Ich habe keine Ahnung und konnte es nicht schlüssig erklären. Irgendwer hat es sich halt so überlegt. Und dann ist auch schon wieder Weihnachten und es kommt zum Äußersten, der Weihnachtsdeko. 

Während also bei Kümmelkrüstchen, weichgekochtem Ei und Käse (ohne Marmelade, das ganze Frühstück, denn wer erträgt schon Marmelade mit Kümmel?!) über die Feierlichkeiten geplaudert wurde, kamen alte Erinnerungen zum Vorschein. 

Die junge Studentin berichtete von den Momenten der besonderen Ergriffenheit, den Krippenspielen. Wochenlang wurde täglich im Kindergarten gekrippenspielt, jeder war jeder mindestens einmal. Und der kleine Beamte war ein richtiger Trendsetter. Ein Vorkämpfer. Denn mit fünf Jahren stand er in der Krippenspielzeit da und forderte Gerechtigkeit ein. Vehement. Er wollte nicht immer nur Josef, Wirt, Hirte oder Engel sein. Auch nicht Ochs oder Esulein. Er wollte die Maria sein, bitteschön. Und er setzte sich durch. Er war eine großartige Maria. Ich habe selten eine bessere Maria erlebt. An Karneval war er auch eine hervorragende Königin (mit Knarre in der silbernen Handtasche, um sich gegen die Juwelendiebe zu verteidigen), aber als Maria? Ungeschlagen. Die feministisch ambitionierte junge Studentin feiert es heute noch, dass ihr Bruder den Grundstock für Geschlechtergerechtigkeit im Krippenspiel legte. Zumindest in der Sonnenstrahlgruppe. 

Ihre eigenen Erfahrungen beim Krippenspiel sind ambivalent. Dass die Erzieherin ihr das Kopftuch der Maria so fest um das Gesicht spannte, dass ich mein eigenes Kind nicht erkannte, mag dazu beigetragen haben. Auch, dass ihr dabei mit der Sicherheitsnadel ins Kinn gestochen wurde, ist ihr lebhaft in Erinnerung geblieben. 

Sie erzählte auch von ihrem Auftritt als Wirt. Josef klopfte ja bei diversen Wirten und wurde abgewiesen. Die junge Studentin, als sie noch das Wolkenköpfchen war, gab ebenfalls eine Vorstellung als Wirt (ich war nicht anwesend, bedauerlicherweise oder vielleicht auch zum Glück, es hätte fatal enden können). Als Wirt musste sie also Josef fortschicken. Die Worte dafür waren immer und stets die gleichen. Und so sagte das Wolkenköpfchen voller Inbrunst: „Geh weiter, ich habe keine Platz für euch, hau ab, du Arschloch!“.

Ich verschluckte mich an meinem Kümmelkrüstchen. Und konnte mich ungefähr 8 Minuten nicht beruhigen. „Was hast du gesagt? Hast du das wirklich gesagt? Du hast ernsthaft ‚Hau ab, du Arschloch‘ gesagt?“ Ja, hatte sie. Ein bisschen Improvisation, dachte sie, im Stile dessen, was ihre Brüder ihr beigebracht haben, könnte doch wohl nicht schaden. Nun, die Erzieherin war angefasst: „So geht das aber nicht!“ rief sie und ermahnte das Wolkenköpfchen, beim gelernten Text zu bleiben. 

Jetzt ist es mein Traum, beim nächsten Weihnachtsfest ein ganz privates Krippenspiel einzustudieren und zur Aufführung zu bringen. Jeder darf improvisieren und es darf so dargestellt werden, wie ein jeder es fühlt. Ich bin mir nicht sicher, ob die Mitfeiernden das gut finden, aber wird haben ja noch ein paar Tage, darüber bei Kümmelkrüstchen, Erinnerungen und ohne Tanz und Gesang zu sprechen.

Schon über ein Jahr

Wie kann es denn bitte sein, dass 2025 schon wieder zwei Wochen auf dem Buckel hat? Ich verstehe es einfach nicht. Vermutlich muss ich mich in wenigen Augenblicken schon mit dem nächsten Weihnachtsfest befassen. Und Silvester. Und wie kann es sein, dass der Hund nun schon über ein Jahr im Garten begraben liegt? Diese Zeit-Sache verunsichert mich nachhaltig und zunehmend. Ich weiß jetzt nicht, ob es an der Vorstellung an die eigene Endlichkeit liegt, dass ich manchmal Schnappatmung bekomme, ob es sich um eine schnöde Panikattacke handelt oder die Hormone in meinem Körper als Grundlage für all das Durcheinander verantwortlich sind. Aber jetzt einmal ein bisschen mehr Sortier, bitte schön. Ich möchte erzählen von dem Hund. Und das könnte traurig gewesen sein. Nur zur Information. Nein, es könnte nicht nur. Es war traurig.

Das kleine, müffelnde, sehr brave, aber auch sehr alte Wesen wollte an einem Tag am Ende des Novembers nicht in den Wald gehen. Es legte sich auf die Straße und dann musste ich es nach Hause tragen. Von da an ging der Verfall rasant. Vermutlich handelte es sich um eine Raumforderung im Bauch, die auch heftige Schmerzen verursachte. Um dem Hund Aufregung zu ersparen, kontaktierte ich eine Tierärztin. Moment, ich möchte es ein wenig ändern: Ich kontaktierte eine „Tierärztin“. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, wen ich da angerufen hatte. Sie erzählte irgendetwas von einer Maschine und sie würde Kontakt aufnehmen mit unserem Hundchen und sie käme am Abend. Sie kam dann auch herein, am Abend, informierte uns darüber, dass der Hund sich keinesfalls in einem Sterbeprozess befände, im Gegenteil, wir ihr diese und jene Tropfen geben sollten, der Hund einen warmen Wintermantel brauchen würde und dann gab es noch ein paar Spritzen und den Hinweis an mich, dass der Hund für mich wohl meine Rückenschmerzen übernehmen wollen würde. 

Und zum Schluss kostete es verwirrenderweise mehrere hundert Euro. Noch während sie redete, verließ unser kleiner Beamter (ja, ein Kind, das heute gar ein erwachsener Mensch ist, hat Beamtenstatus erlangt, zu meiner Verwunderung) das Zimmer mit den Worten: „Nä, das halte ich nicht aus“ und ging seiner Wege. Mit den verbliebenen Mitbewohnern kam es nach dem Abgang der „Tierärztin“ zu lebhaften Gesprächen über Geschwurbel, Esoterik und generell verrückte Menschen. Die Stimmung war richtig scheiße und Worte wie Abzockerin und Esotussi wurden vernommen. Aber der Hund war einigermaßen fit gespritzt. Hat auch ordentlich Schmerzmittel bekommen. Leider war drei Tage später der Effekt verpufft und das Leiden wurde erneut deutlich sichtbar. Dann kam eine echte Tierärztin, eine, die diese Berufsbezeichnung verdiente und bot an, den Hund in eine Tierklinik zu bringen, um herauszufinden, was ihr fehlt. Das wäre nicht im Sinne des Hundes gewesen, denn die Kleene war eher gar nie von zuhause weg und wenn doch, dann war es für sie immer sehr aufregend. Die echte Tierärztin fand die Argumentation nachvollziehbar, dem Hund Aufregung zu ersparen und wir einigten uns auf einen weiteren Versuch des Fit-Spritzens. Gesagt, getan, der Hund lief noch einmal zu Hochform auf, fraß feines Hühnchen und wirkte entspannt wie lange nicht. Es war ein Versuch. Aber nach zwei weiteren Tagen kippte es schlimmer als je zuvor und der Hund, von mir nach draußen getragen, kackte ein letztes Mal. Auf den großen Sandhaufen der nervigsten Baustelle seit Anbeginn der Zeit. Den schlimmsten Kackhaufen, den je ein Mensch zuvor gesehen und gerochen hat. Es fehlte nicht viel, fast hätte ich mich direkt daneben erbrochen. Ich kontaktierte die echte Tierärztin erneut und sagte ihr, es sei aussichtslos. Bis sie später zu uns kam, dröhnten wir den Hund mit Tropfen zu, denn eigentlich war es auch egal, es gab kein Dosierungslimit mehr. Der Hund wollte nichts mehr essen, nichts mehr trinken, stand nicht mehr auf und ließ alles unter sich gehen. Weil sie eine vornehme Dame war, war sie mit der Situation sehr unzufrieden und schaute entsetzt auf ihr Hinterteil, als sie auslief. Wir wickelten sie in ein warmes Handtuch ein, damit sie es nicht mehr so merkte. Und wir saßen um sie herum, warteten, streichelten sie, alle Mitbewohner auf dem Teppich bei ihr. Dann kam die echte Tierärztin, fand die Situation eindeutig, unsere Entscheidung stimmig und legte ruhig und besonnen einen kleinen Zugang in das Beinchen. Das Desinfizieren erschloss sich nicht mehr aber vermutlich ist das eine Ablauf, der immer gleich ist. Rasieren, desinfizieren, pieksen. Der kleine Beamte lief noch schnell zum Kühlschrank und holte die extra besorgte Leberwurst. Ich schmierte mir die Wurst an die Finger und unser Hündchen konnte sein Glück nicht fassen. Lag zum Sterben bereit darnieder, glücklich bis zum Anschlag, denn Leberwurst. Unbegrenzt. Sie schaute uns an, jeden von uns und leckte die Leberwurst von meinen Fingern. Und während die ersten Tropfen der Betäubung in sie flossen, wurde die kleine Zunge langsamer und langsamer und hörte ganz schnell auf zu schlecken. Und dann war der Ofen aus. Ihr Leben vorbei, noch bevor es das eigentlich Gift gab. So schnell ist sie gegangen, als hätte sie es eilig gehabt. Alles war ganz ruhig, bis auf das Hochziehend der Heulschniefnasen und das Wischen der Tränen. Die echte Tierärztin packte ihre Tasche zusammen, sagte noch einmal, dass es richtig so war und auf dem Weg zur Tür nahm sie mich noch in den Arm, war ganz berührt davon, wie es war. Dann war sie weg und wir saßen noch ein bisschen mit unserem Hündchen im Wohnzimmer. 15 Jahre war sie bei uns. Dann musste die junge Studentin (ja, ein weiteres Kind ist ein erwachsener Mensch und studiert tapfer) zum Nachtdienst gehen, was herzzerbrechend war, denn wie kann man denn so etwas ertragen und dann arbeiten müssen? Ich sage nur: Gesundheitssystem. Da werden keine Gefangenen gemacht. Der kleine Beamte ging seiner Wege, um seine Art der Verarbeitung zu praktizieren und wir, die Eltern erwachsener Kinder, brachten unser Hündchen, schön in seine Kuscheldecke gewickelt und zusammengerollt, damit das Loch für die Beerdigung besser zu graben sein würde, in das eiskalte Stübchen. Wobei es von Seiten der jüngeren Mitbewohner nur erlaubt wurde, weil das Argument, den Hund bei 23 Grad Kaminfeuertemperatur aufzubewahren sei vielleicht nicht so günstig, doch nachvollzogen wurde. Aber sie allein über Nacht im Stübchen zu lassen, nachdem sie die Nächte davor eine eins zu eins Betreuung hatte, war schwierig, tot hin, tot her. 

Und so war das Hündchen gestorben, auch wenn ich sie danach noch wochenlang über den Holzboden habe trappeln hören und ihr Schatten war noch da und ihre Atemzüge waren deutlich zu hören. Vielleicht. Möglicherweise auch nur in meinem Kopf. Und in den Köpfen meiner Mitbewohner. Die Beerdigung war am nächsten Tag. Aber das ist eine andere Geschichte…

Witz

Elise war jahrelang Frau W. für mich. Und ich war für sie Frau M., die Zeit der Vornamen war noch nicht gekommen. Ich vertrieb also Verspannungen aus ihrem Nacken und irgendwann fragte sie mich, ob wir ein wenig Sport zusammen machen könnten. Ich hatte zwar keine Ahnung, was ich tat, aber im Grunde hatte ich lange genug Physiotherapie genossen, um ein kleines bisschen zu wissen über die sanfte Durchbewegung aller Körperteile. Zumal Frau W. eine sehr fitte Person und unter anderem Gymnastiklehrerin war und es ging im Grunde darum, dass ich durch das Vorbeikommen eine Motivationshilfe darstellte. 

Zweimal die Woche liefen wir auf der Stelle, standen auf einem Bein, drehten Hände vor, zurück und gegeneinander, schwangen liegende Achten mit Arm und Bein und erzählten uns dabei Geschichten aus dem Leben. Und Frau W. war eine sehr gute Erzählerin. Sie erzählte von ihren drei Kindern, den Enkelkindern, den Urenkeln. Sie erzählte von ihren Eltern, ihren Geschwistern, sie erzählte von Großeltern, von dem Gut der Großeltern, von Krieg, von Frieden, von ihrem Mann, vom Lager, von ihrem Weg allein durch Deutschland mit nur 16 Jahren. Sie erzählte von ihren Hunden und Witze. All das mit spitzer Zunge. Und ich hörte zu, wollte mir alles merken, konnte es nicht, weil es so viel war und ich mir Witze wirklich schlecht merken kann. Ihr Repertoire an Witzen war nahezu unbegrenzt. 

An einem Mittag saßen wir uns auf unseren Sportstühlen gegenüber, ich auf einem Stuhl vom Esstisch, sie auf einem Stuhl, der eher ein kleiner Thron war, mit vergoldeten Armlehnen und Brokat, weil sie nicht soviel Lust hatte zu sporteln, lieber eine Zigarette rauchen und plaudern wollte, da schaute sie mich mit nachdenklich zur Seite gelegtem Kopf an und sagte: „Liebe Frau M., darf ich Sie etwas Privates fragen?“ Und ich antwortete: „Liebe Frau W., natürlich dürfen Sie das. Jederzeit.“„Was ist eigentlich los mit Ihnen? Sie haben Gewicht verloren, Sie sind blass um die Nase und mir scheint, etwas bedrückt Sie.“

„Mein Mann hat eine Freundin, das verdirbt mir den Appetit.“ brach es aus mir heraus. „Oh. Das ist wenig erfreulich. Und nun?“ „Nun habe ich keine Ahnung. Aber es muss ja weitergehen.“ „Da haben Sie recht. Und wie ich Sie kenne, bin ich sicher, Sie bekommen das hin. Sie werden Ihr Leben weiterleben und nicht verbittern. Denn verbittern, das sollte niemand. Das ist so schrecklich spaßraubend.“

Dann saßen wir uns schweigend gegenüber. Sie zog an ihrer Zigarette. Ich schaute aus dem Fenster und betrachtete den Vorgarten. Ihr Dackel lag zu ihren Füßen und schnarchte leise.
„Ich hätte da einen Witz, wenn Sie den hören möchten?“ „Ein Witz kann sicher nicht schaden.“

Eine junge Frau kommt zum Rabbi und möchte von ihm wissen, warum sie in sich diesen übermächtigen Wunsch habe, ewig zu leben und was sie denn nun damit anfangen soll. Der Rabbi lehnt sich auf seinem Sessel zurück, betrachtet die Frau mit einem sanften Lächeln und sagt: „Junge Frau, Sie müssen heiraten.“

To be continued

Morgen ist es soweit

Wieder ein Weihnachtsfest. Bald weiß man gar nicht mehr, wohin mit all den Weihnachtsfesten, die man erlebt hat. Ich erinnere mich an all die schön verkackten Momente gar nicht mehr mit dieser Inbrust, die ich früher dafür zur Verfügung hatte. 

Erinnerungen an das Fest, bei dem der Vater sich neben den Stuhl setzte, weil er durch erheblichen Alkoholkonsum die Sitzfläche nicht traf und sodann nach der Vorspeise zu Bett ging, was für eine tragische Verstimmung mit noch mehr Alkoholkonsum bei der Mutter sorgte. Es endete in Schweigen. 

Oder die weihnachtliche Begebenheit, als die Mutter, befeuert durch fehlende Zuwendung und Liter des guten Roten, ihr Leben beenden wollte und mich wissen ließ, ich sei das Schlimmste, was ihr je passiert ist. Ein Grund, warum ich diesen einen Song über das Beste, was irgendwem je passiert ist, nie ohne inneres Kichern hören kann, denn meine Gedanken fliegen. 

Aber getragen von warmen Gedanken an andere Weihnachtsmöglichkeiten, vielleicht ist es auch einfach nur eine Hitzewelle, die sich nicht so übertrieben ausbreitet, sondern lediglich wie ein kleines Kaminfeuer lustig lodert, gibt es auch Erinnerungen an gut gelaunte Kinder, die den ganzen Tag vor dem Fernseher hocken, um Michel, Pippi und Madita zuzusehen. Und später nicht wissen, ob sie sich mehr über die Geschenke freuen oder gar über den ungebremsten Zugang zu Süßspeisen mit den wunderbaren Namen Zimtparfait und weiße Creme mit Blut.

Weihnachten kann schön sein. Weihnachten kann schrecklich sein. Weihnachten kann egal sein. Jeder Tag hat Weihnachtspotential. Eventuell habe ich im Juli ganz große Lust auf ein Weihnachtsfest, das im Dezember keinen Sinn macht. 

Morgen ist es also wieder soweit und es ist Weihnachten. Machen wir keine große Sache daraus und versuchen wir, es mit Würde und Anstand hinter uns zu bringen. 

In diesem Sinne noch ein Gedicht, welches ich im vergangenen Jahr erfand, beim Weihnachtsspaziergang im Wald mit zwei weiteren Personen, die mich während des Laufens mobbten, weswegen ich mich zurückfallen und meine Gedanken frei wandern ließ:

„Ode an den Weihnachtsmann“

Der Weihnachtsmann ist sehr gestresst, denn heute ist das heil’ge Fest. 

Er säuft und trinkt und schüttet sich ein, 

er will Punkt 12 besoffen sein. 

Sonst kommt er mit dem Druck nicht klar. 

Es ist auch heut’ wie jedes Jahr

 

Das Christkind ruft: „Du schwacher Penner,

genau so läppsch wie andere Männer. 

Ich bin ein Kind und schuffte auch. 

Und hab sogar n‘ flachen Bauch. 

Ich stell mich dabei nicht so an

Wie du, du dickgesoffner Mann. 

Nimm dir ein Beispiel an meiner Arbeitsweise 

und hör auf zu jammern über die Scheise. 

Morgen ist es schon vorbei. 

Dann kommt der Hase mit seinem Ei.“

Und jetzt mache ich weiße Creme. Mit Blut.

Anfang

Die Frage ist doch, sollte man mit 55 Jahren die Vergangenheit hinter sich lassen? Darüber denke ich ausführlich nach, heutzutage. Wenn ich diese 55 Jahre hinter mir lasse, oder vielleicht auch nur 23 Jahre, nicht zusammenhängend, hier ein Jahr, dort ein Jahr, ein ganzes Jahrzehnt oder Jahre in kleine Fünfer-Päckchen sortiert, wieviele Jahre habe ich dann noch? Ich würde mit tiefer Überzeugung behaupten, mehr als die Hälfte ist eh schon gelaufen. Darum habe ich eigentlich nichts zu verschenken. Noch einmal 55 Jahre sind nicht geplant. Wenn ich es hinbekomme, so alt wie meine Freundin Elise zu werden, dann habe ich noch 40 Jahre vor der Brust. 

Elise war eine erstklassige Frau. Als ich sie kennenlernte war sie Anfang 80. Täglich ging sie mit ihrem Dackel spazieren und zweimal die Woche zum Tennis. Außerdem hatte sie eine Bridge-Runde und leitete einen Gymnastikkreis mit Damen ihres Alters an. Alle zwei Wochen traf sie sich mit vier anderen Frauen. Sie unterhielten sich dann den ganzen Morgen auf französisch über unterschiedliche Artikel aus „Le Monde“.

Wir kannten uns vom Sehen und durch ihre Nachbarin Lotti, der ich regelmäßig die Beine wickelte. Elise fand Lotti ein bisschen faul, weil diese einfach nicht die Straße rauf und runter laufen wollte. Ich konnte Lotti verstehen. Ihre alten Beine waren so voll mit Wasser, dass sich die Haut in Blasen ablöste und das Wasser aus ihnen herauströpfelte. Angenehm war das nicht. Irgendwann saß Lotti morgens an ihrem Esstisch, an dem 5 Jahre zuvor beim Frühstück ihr Mann sein Leben ausgehaucht hatte, und war schon ganz steif. Am Abend vorher hatte sie noch Kartoffelsalat mit Würstchen gegessen und am Morgen saß sie auf ihrem Stuhl, so tot, toter ging es nicht. Die Ärztin kam, schaute sich Lotti an und sagte: „Sie ist tot.“ und ich dachte: „Gut, dass sie es sagt. Hätte ich sonst gar nicht gemerkt.“ Dann kamen die Bestatter, um Lotti einzupacken. Das war ein bisschen schwierig, weil Lotti ja auf dem Stuhl saß. Sie hatte also mehrere Winkel im Körper. Die Bestatter-Herren legten sie erst einmal auf eine Plane auf dem Boden. Ich war so schrecklich pietätlos. Ich kämpfte mit einem Lachanfall aus der Tiefe meines Körpers. Vielleicht war es auch nur eine Übersprungshandlung, ich weiß es nicht. Jedenfalls sah es aus, als wollte Lotti zum Abschied noch einmal in Rückenlage radfahren. Die Herren regelten die Situation ruhig, gelassen und mit deutlich erkennbarer Erfahrung. 

Dann hatte Elise eine Nachbarin weniger und unsere Wege gingen vorübergehend auseinander, bevor sie sich doch wieder trafen. Elise fragte eines Tages, als wir uns auf der Straße trafen, beide unterwegs mit den Hündchen, aber in entgegengesetzte Richtungen, ob ich nicht einmal bei ihr vorbeikommen könne, sie habe eine Frage an mich. So besuchte ich sie tags darauf. Wir saßen in ihrem Wohnzimmer, sie rauchte mit deutlich erkennbarem Genuss ein Zigarettchen und fragte mich, ob ich ihr ein paar Verspannungen aus dem Nacken vertreiben könnte.
Nun war Lotti ja nicht mehr da, somit hatte ich freie Kapazitäten und sagte zu. 

Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. 

To be continued

Lavendelkinder 2.0

Welcome to the Menopause

Werte Leserschaft, die vermutlich gar nicht mehr existiert und die Lavendelkinder und Frau Lavendel nebst Gutfrisiertem und Hund schon längst vergessen hat, ich will ehrlich sein, ich habe es selbst fast vergessen. Aber in letzter Zeit stehe ich häufiger unter der Dusche und vermisse es. Das Schreiben. Das Anschauen der Absurditäten. Das Verlachen von Dingen, die im Grunde zum Heulen sind. 

Am heutigen Tage stand ich also am Nachmittag unter der Dusche, um mir den Zucker vom Körper zu schrubben, nachdem ich Weihnachtsbäckerei betrieben hatte. An einem ordinären Wochentag, den ich mir mit Ü-Frei versüßt haben. Ü-Frei, ja, ich habe über 60 Überstunden vor der Brust, die abgebaut werden müssen, weil ich sonst wahnsinnig werde. Und auch das Studieren ist anstrengend. Und Liebeskummer. Und die ganzen Todesfälle erst! Herrjeh.


Aber jetzt einmal ganz langsam. Es ist gerade so, als ob ich eine lange nicht gesehene Freundin wiedertreffe und wir versuchen, uns in 5 Minuten zu erzählen, was in den vergangenen 10 Jahren passiert ist.  Das überfordert alle Beteiligten, also machen wir hier erst einmal langsam. 

Obwohl es natürlich sein kann, dass niemand liest, was passiert ist. Weder alles auf einmal, noch in Portionen. Letztlich ist das egal, es geht darum, dass ich es schreiben möchte. 

Nur, wo fange ich denn jetzt an? 

Vielleicht mit der grundlegenden Tatsache, die sich schon im Titel ankündigt.
Menopause. 

Ja. Vielen Dank, Natur. Du hast mir ein Ende der Fruchtbarkeit beschert (Grüße gehen raus an den Gutfrisierten, der sich vor 20 Jahren nicht vasektomieren ließ, aus Feigheit vor den Schmerzen am Sack. So geht Aussitzen! Respekt, mein Liebster!)

Von der Menopause und dem Klimakterium, da macht man sich doch keine Vorstellung von, selbst wenn man mit Vollgas darauf zurast. Es ist wie beim Kinderkriegen. Erst wenn es soweit ist, weißt du, was es bedeutet. Vorher können dir noch soviele gestandene und erfahrene Frauen davon berichten, können Gynäkologinnen dir Erklärungen liefern, wenn es kommt, dann kommt es und du stehst davor, legst die Stirn in Falten und fragst dich: WTF?

Und dann dauert diese Veranstaltung Jahre. Für manche Frauen. Für manche nicht. Ich beneide eine Freundin, die mir gegenübersaß, alleweil ich mit hochrotem Kopf verzweifelt versuchte, mir etwas Luft mit der flachen Hand zuzufächeln, während ich dachte, in mir habe jemand eine Temperatur-Bombe gezündet. Bei gefühlt 96 Grad Celsius im Inneren schnappte ich deutlich hörbar nach Luft und stieß nur noch: „Hitzewelle!!“ zwischen meinen zusammengekniffenen Lippen hervor.

Sie schaute mich mitleidig an und sagte: „Ich verweigere das. Als die erste Welle kam, habe ich meinem Körper gesagt, dass ich so einen Scheiß nicht will und es mächtig Ärger gibt, wenn er sich nicht sofort am Riemen reißt. Und siehe da, es war eine kurze Episode, die schneller verschwand, als sie gekommen war.“ Seitdem kriegt mein Körper auf jede erdenkliche Art von mir mitgeteilt, er möchte das doch bitte unterlassen, Er hört nicht auf mich. Er verarscht mich. Denn manchmal gibt es mehrere Wochen, in denen fährt er diese Temperaturschwankungen und die Farbangleichung im Gesicht runter und ich jubiliere, es könnte jetzt langsam vorbei sein. Aber was soll ich sagen, wenn ich anfange, mich zu entspannen, legt er wieder los und flutet mich mit irgendeinem hormonellen Ungleichgewicht, das zackig zum inneren Höllenfeuer führt. 

Ich stehe manchmal sogar nachts auf und gönn`mir eins… (lieber täte ich mir Schokolade statt Hölle gönnen, aber der Stoffwechsel…, elendes Miststück! Eine nächtliche Schokolade bewirkt soviel wie eine komplette Torte allein gefressen.), weil ich dann so unruhig werde und die Decke muss weg und alles ist klamm und plötzlich ist es kalt und ich bin zornig und möchte etwas schlagen. Doch, wir sind weiter befreundet. Auch wenn es manchmal schwer ist. 

Dafür habe ich keine Pickel. Das gleicht ein bisschen was aus. 

Bis hierhin erst einmal. Ich hoffe, meine Energie hält an und mein guter Vorsatz ebenfalls. Denn wir wissen schließlich, jede Frau braucht ein Hobby,

Herzlichste Grüße,

Frau Lavendel